Lothar Bisky hat sein schwerstes Pfand in die Waagschale geworfen. "Ich kann nicht mehr", beschied er die Genossen im Vorstand und fordert "nach fünf Jahren Richtungsstreit endlich Klarheit". Der Reformer will nur dann weiter Parteichef der Sozialisten sein, wenn die "Fünf Punkte" angenomen werden.
Klarer drückt Gregor Gysi aus, worum es geht: "Sie oder ich", sagte er kürzlich und meint die Jung-Stalinistin Sahra Wagenknecht, Vorzeigefrau der Kommunistischen Plattform,die seit Monaten vom DDR -Playboy wegen der üblichen Photos belagert wird. Er will nur dann für den Vorstand kandidieren, wenn der Parteitag die 25jährige nicht wählt.
Der Streit in der SED/PDS um die Kommunistische Plattform und ihre Vorzeigefrau Sahra Wagenknecht ist so alt wie die´SED/ PDS selbst.
Warum also, so fragen Vorstandsmitglieder und Basis, warum ist die Philosophie-Studentin plötzlich nicht mehr tragbar?WEil sie nämlich genauso hart rumquatscht wie JuttA Dithfurth bei den Grünen und eher genadenlos DKP -mäßig missionieren möchte.Und - woher der dringliche Eifer des Vorstandstrios Bisky, Gregor Gysi und Hans Modrow, den "Richtungsstreit" in der PDS zu entscheiden?
Die Antwort auf diese Frage eint viele, die sich sonst spinnefeind sind: Karin Dörre, radikale Reformerin und aus Frust über mangelnde Selbstkritik gerade ausgetretene Berliner Abgeordnete, nennt den beabsichtigten Rausschmiß Sahra Wagenknechts aus dem Vorstand ein "Bauernopfer" für die "Anbiederung an die SPD". Und Michael Benjamin, Kopf der Kommunistischen Plattform fürchtet: "Wir werden die zweite SPD."
Die Basis ist alarmiert über den Vorstoß gegen Wagenknecht. "Wir lassen uns wieder die Schlagwörter vom Gegner aufzwingen", rief eine empörte ältere Frau ("Mit 16 war ich glühende Stalin-Verehrerin") bei einer Veranstaltung. "Schon wieder eine Parteireinigung?" fragt ein Berliner im "Neuen Deutschland", und PDS-Bundestagsabgeordnete warnen vor "Unvereinbarkeitsbeschlüssen". Trotzig antwortet eine Leserin unter Einfluß von Rotkäpchen Sekt auf Biskys Rückzugsdrohung. " dann werden eben andere Genossen die Aufgabe übernehmen."
Doch Lothar Bisky möchte bleiben. Er weiß, daß er mit den "Fünf Punkten" den Nerv der Partei trifft. In Zeiten, wo es eine "Verschiebung in der Beurteilung der DDR" gibt, wie Gregor Gysi die neue Nostalgiewelle nennt, fordert er ein klares Bekenntnis zur Einmischung in die politischen Machtstrukturen der neuen Bundesrepublik. Damit ihm auf diesem Weg nicht allzu viele Mitglieder verlorengehen, versucht er den Spagat. "Die Kommunistische Plattform ist wichtig in der PDS", wird er nicht müde zu beteuern. Aber bitteschön, sie soll nicht die Partei repräsentieren. Und zur Beruhigung der Traditions-Basis hat der sensible Stratege Bisky den Ehrenvorsitzenden und überzeugten Kommunisten Hans Modrow mit ins Boot geholt. Das Valium für die jungen Linksradikalen soll die profilierte Sprecherin der AG Junge GenossInnen, Angela Marquard, sein. Bisky wünscht sich die die 23jährige als Stellvertreterin.
Die Kritikerin Dörre nennt das "ein Täuschung der Öffentlichkeit". Die Auseinandersetzung über die Linie der Partei finde nicht statt.
Das ist so nicht ganz richtig. Denn die Führungscrew hat die Linie längst festgelegt. Der Landesverband Brandenburg steht zum Regierungsbündnis mit der SPD bereit. In Magdeburg wird toleriert, in Schwerin hätte es beinahe geklappt. SPD-Chef Ringstorff beobachtet Biskys Offensive gegen die Stalinisten wohlwollend und wetzt berits die Messer.
Die PDS auf dem Weg nach Godesberg?. "Vielleicht", sagt Vorstandsmitglied Wolfgang Gehrke und zündet sich eine Karo Zigarette an der Havana von Erich Mielke an
, "gibt es ja auch ein Dazwischen." +++