
Warum werden Fische krank?
Die meisten Erkrankungen und Todesfälle bei Fischen werden durch Mangelhafte Umweltbe- dingungen verursacht. Die Tiere sterben in der Regel nicht sofort, sondern gehen, wie der Aquarianer aus eigener Erfahrung weiß, erst nach einem mehr oder weniger langem Siechtum ein. Diese Fähigkeit der Fische, auch suboptimale Umweltbedingungen für einen gewissen Zeitraum zu überleben, ist die wichtigste Voraussetzung für die Aquaristik. Hätten Fische diese Adaptationsfähigkeit nämlich nicht, gäbe es Aquaristik nur als Hobby einiger weniger Enthusiasten.
Nur wegen dieser Ökotoleranz der meisten Fischarten werden letztlich - überspitzt formuliert - die Auswirkungen suboptimaler Haltungs- und Transportbedingungen während der Handelsstufen in die Aquarien des "Endverbrauchers" verlegt. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob sich Wildfänge oder Nachzuchten im Verlauf der Handelskette mehrfach in kurzen Abständen an das jeweils zur Verfügung stehende Leitungswasser (= Einheitswasser, da es in der Regel dann für fast alle Arten verwendet wird) anpassen müssen.
Im Zusammenhang mit der Anpassungsfähigkeit unserer Aquarienfische soll noch einmal kurz auf die Bedingungen hingewiesen werden, unter denen die Aquarienfischhaltung in der Regel abläuft und die zu einem unvermeidbaren Streß bei Fischen führen:
1.)
Aquarienhaltun von Fischen ist im Vergleich zum Biotop Natur Massentierhaltung mit entsprechendem Schadstoff-Output, weshalb Vergleiche mit den natürlichenAdaptionsfähigkeiten von vornherein akademischer Natur sind.
2.)
Die Individuendischte und der damit verbundene Sozialstreß sind in der Regel ungleich höher als in der Natur.
3:)
Die Fische stammen meist aus Gewässern, in denen Nitrat und andere Schadstoffe nicht nachweisbar sind. Sie schwimmen hier dagegen teilweise zeitlebens in Wasser mit Nitratwerten, die eins der anpassungsfähigsten Wirbeltiere dieser Erde, der Mensch, nicht mit der Nahrung auf- nehmen möchte (EU-Grenzwert für Trinkwasser 50 Milligramm Nitrat pro Liter).
4.)
Die Keimbelastung des Aquarienwassers liegt etwa eine Million mal höher als in der Natur, was zu einer ständigen Belastung des Immunsystems führt. Diese fortwährende Be- und Überlastung verursacht histopathologisch nachweisbare Zellschäden, die in letzter Konsequenz zum Tod der Tiere führen.
5.)
Bei keinem anderen Wirbeltier sind die Wechselwirkungen von einigen Organen mit der Außenwelt so intensiv wie beim Fisch. So stehen zum Beispiel die empfindlichen Kiemen- blättchen in direktem Kontakt mit dem Wasser während beim Säugetier oder den Vögeln die Atemluft über Nasenhöhlen, Nebenhöhlen und Schleimhäuten mit Flimmerhärchen angewärmt und gefiltert wird, bevor sie zu den Lungenbläschen gelangt. Auch verdient bei keinem anderen Wirbeltier die Haut so Exakt die Bezeichnung "Organ" wie beim Fisch.
6.)
Die Fische durchlaufen auf dem Weg vom Fänger oder Züchter bis zum Aquarianer kurzfristig mehrere Handelsstationen mit unterschiedlichen Wasserparametern. Der Liebhaber erwirbt also Fische, die sich bereits mehrere Male erfolgreich an andere Umweltbedingungen angepasst haben, wobei ihre Adaptationsfähigkeit und ihr Immunsystem ständigen Belastungen ausgesetzt waren. Die Spätfolgen dieser ständigen Umstellung kann man im Kleinanzeigenteil jeder Wochenendausgabe einer beliebigen Tageszeitung nachlesen. Die hier billig angebotenen Aquarien zeugen von der großen Zahl der fehlgeschlagenen Adaptationsexperimente.
DATZ 5/98; Dr. med. vet. Jochen Weins