III. Innovationsbemühungen in den einzelnen Industriebranchen

  1. Die Mikroelektronik

Die Anfänge systematischer Forschung in der DDR auf dem Gebiet der Mikroelektronik, oder, wie es damals noch hieß, der Molekularelektronik, datieren auf das Jahr 1961 und waren Ausdruck einer Notlösung. Um die nach dem Abbruch des ostdeutschen Flugzeugbauprogrammes freiwerdenden Arbeitskräfte aufzufangen, verlagerte die Wirtschaftsführung ein bereits im Aufbau befindliches Elektronikinstitut von Jena nach Dresden. Dort gründete der Wissenschaftler Werner Hartmann im Auftrag der SED die Arbeitsstelle für Molekularelektronik, aus der sich später der VEB Forschungszentrum Mikroelektronik Dresden entwickelte. Während Ulbricht in seinen letzten Amtsjahren großes Interesse an neuen Wissenschaften und Technologien zeigte und unter anderem auch der Molekularelektronik Förderung zuteil werden ließ, stagnierte die Entwicklung nach der Machtübernahme durch Honecker, der eher politische und soziale Prioritäten setzte, zunächst. Die politische Reorientierung Anfang der siebziger Jahre fiel mit dem Beginn der internationalen Mikroelektronik-Revolution zusammen. Nachdem die amerikanische Firma Intel die ersten kommerziell nutzbaren Mikroprozessoren auf den Markt geworfen hatte, veränderte diese Technologie nahezu alle Wirtschaftssektoren und tut dies bis heute. Die SED erkannte die Bedeutung dieser Entwicklung anfangs nicht und ließ so einen mehrjährigen Rückstand zu, der sich in den Folgejahren nachhaltig auf die Absetzbarkeit ostdeutscher Waren im Westen auswirken sollte. Zwar kam die Mikroelektronikforschung nicht völlig zum Erliegen. Ausdruck dessen ist ein Kooperationsabkommen mit der SU im Bereich Elektronik und Mikroelektronik von 1973. Ohne zentrale Investitionsmittel blieb die Mikroelektronikforschung jedoch auf die Initiativen Einzelner beschränkt.

 

a) Der Aufbau der Mikroelektronikindustrie ab 1976

Erst ab 1976, als sich DDR-Maschinen ohne elektronische Steuerungen immer schwerer im Ausland verkaufen ließen, setzte in der Spitze ein Umdenkungsprozeß ein, der sich schließlich im sogenannten "Mikroelektronik-Plenum" des ZK im Juni 1977 niederschlug. Während dieser Tagung formulierte die SED das Ziel, binnen kürzester Zeit eine eigene Mikroelektronikindustrie zu schaffen. Die Option, den entstandenen Rückstand durch den Einkauf kompletter Fabriken schnell aufzuholen, scheiterte am Hochtechnologieembargo der USA. Auch mußte zunächst einmal ein Personalstamm für eine solche Industrie ausgebildet und aufgebaut werden. Trotzdem konnte die Wirtschaftsführung innerhalb weniger Jahre erste Erfolge vorweisen. Sie spaltete 1978 die bisherigen Vereinigungen Volkseigene Betriebe (VVB) Bauelemente und Vakuumtechnik Berlin auf und strukturierte deren Betriebe und weitere Kapazitäten zu den Kombinaten Mikroelektronik Erfurt und Elektronische Bauelemente Teltow um. Diese Kombinate waren nun für die Massenproduktion mikroelektronischer bzw. leistungselektronischer Bauelemente verantwortlich, während sich das neu organisierte Kombinat Robotron Dresden um den Computerbau kümmerte. Den Erfurtern waren das Volkseigene Institut für Mikroelektronik und Elektromat Dresden zugeordnet, zuständig für die Entwicklung der Technologien bzw. der Ausrüstungen für die Mikroelektronik. In kurzer Folge präsentierte die neugeschaffene Mikroelektronikindustrie noch 1977/78 erste Speicherchips. "Spezielle Beschaffungsorgane" unter der Federführung des MfS besorgten illegal Muster von Prozessoren der Firmen Intel, Zilog und Texas Instruments aus dem Westen, auf deren Basis die ostdeutschen Techniker 1977 bis 1979 die DDR-Prozessoren U 808 und U 880 kreierten. Ab 1979 produzierte der VEB Numerik das Werkzeugmaschinen-Steuerungssystem CNC 600 mit dem U 880 als Herzstück. Diese Imitationsleistungen waren zwar, vor allem in diesem Zeitrahmen, durchaus beachtlich, und der DDR standen nun prinzipiell integrierte Schaltkreise zur Verfügung. Der Rückstand zum Weltstand blieb jedoch bestehen. Die Neuentwicklungen waren häufig von Massenproduktion bzw. -einsatz noch weit entfernt.

Das Politbüro beschloß daher 1979, die mikroelektronische Produktionsbasis deutlich auszuweiten. Vorgesehen waren 22 Schwerpunktinvestitionen, darunter der Ausbau der beiden Forschungsbetriebe in Dresden. Eine halbe Milliarde Mark flossen bis 1986 allein in die zum Zentrum für Forschung und Technologie der Mikroelektronik vereinigten Institute.

Da die DDR außerstande war, die angestrebten höheren Technologiestufen der Chipherstellung aus eigener Kraft in einem sinnvollen Zeitrahmen zu erreichen, trug sie der SU den Ausbau der Zusammenarbeit an. Schwerpunkt sollte zunächst die gemeinsame Entwicklung und Produktion des 64-kB-Speicherschaltkreises sein, der damals den internationalen Stand repräsentierte. Die Russen stellten die Bedingung, daß die geplante Fertigungslinie in der SU aufgebaut werde und daß die DDR dafür technologische Spezialausrüstungen bereitstellen müsse. Ende 1981 könnte die Technologie dann auch in der DDR eingeführt werden. Das Politbüro willigte ein, da die SU angesichts der westlichen Exportbeschränkungen und der eingeschränkten Möglichkeiten anderer RGW-Länder als einziger Partner in Frage kam, obwohl die sowjetischen Forderungen CZJ als den Haupthersteller der TSAen schwer belasteten und nahezu eine Verdoppelung des bisherigen Produktionsausstoßes erforderten. Da die Elektronikkombinate zu dieser Zeit außerdem zusätzliche Auflagen im Rahmen der NSW-Exportoffensive aufgebürdet bekamen, blieb für den Inlandsbedarf kaum etwas übrig. Der Bereich Elektrotechnik/ Elektronik mußte seine Zulieferungen an den Rest der Industrie sogar reduzieren. Das Ergebnis war, daß trotz ansteigender Mikroelektronikinvestitionen die Massenanwendung der neuen Technologie dem ohnehin rückständigen F/E-Niveau noch hinterher hinkte. Die Doppelbelastung durch die angespannte volkswirtschaftliche Situation zu Anfang der achtziger Jahre und durch das Mikroelektronikprogramm führte dazu, daß selbst die Elektronikbetriebe größte Schwierigkeiten hatten, die NSW-Exportpläne, die eigentlich oberste Priorität besaßen, zu erfüllen.

 

b) Speicherchip- und Mikroprozessorenentwicklung

Die Zusatzanforderungen durch die Exportoffensive, die gestörten Zulieferbeziehungen in der Volkswirtschaft und die Defizite aus der langen Vernachlässigung der Mikroelektronik schlugen nun voll durch. Das Aufholtempo verringerte sich nach den ersten Erfolgen 1977-79 deutlich. Auch die bevorzugte Belieferung der Sowjetunion mit TSAen zuungunsten des eigenen Bedarfs zahlte sich nicht im gewünschten Maße aus. Die DDR-Produktionseinführung des 64-kB-Chips, der in Japan bereits zu 36 Mio. Stück je Jahr hergestellt wurde, verzögerte sich mehrfach. 1982 verließ gerade erst der 16-kB-Speicher die Entwicklungslabore. Ging Elektronikminister Steiger 1981 noch davon aus, den 64-kB-Chip 1983 in die Produktion überzuleiten, so war dieses Stadium tatsächlich erst 1986 erreicht, und das auch nur durch den Zukauf japanischen Know-hows. Laut einem Abkommen zwischen DDR und SU aus dem Jahr 1982 sollte 1985 eigentlich schon die Entwicklung der nächstfolgenden Speichergeneration abgeschlossen sein. Erst 1988, sechs Jahre nach dem Beginn der industriellen Fertigung in Japan, erreichte der Produktionsausstoß des 64-kB-Chips in der DDR die Millionengrenze. Durch den Zeitverlust lag die Wertschöpfung bei nur 1 % des westlichen Niveaus.

Fehleinschätzungen der Wirtschaftsführung ließen auch den Rückstand der DDR in der Mikroprozessortechnik wieder wachsen. 1981 begannen im Kombinat ME Erfurt Entwicklungsarbeiten, um den in der DDR dominierenden 8-Bit-Mikroprozessor U 880 durch den leistungsfähigeren Schaltkreis CPU V mit 16 Bit Verarbeitungsbreite zu ersetzen. Als Vorbild diente die aus dem Westen beschaffte Central Processing Unit (CPU) Zilog Z 8001. Etwa zeitgleich arbeitete die SU ebenfalls an einem 16-Bit-Mikroprozessor unter der Codebezeichnung I16. Dieser hatte als Grundlage jedoch den Baustein 8086 der amerikanischen Firma Intel, die in den folgenden Jahren die internationalen Standards vorgab und fast alle Wettbewerber aus dem PC-Markt verdrängte. Zwar war die Zilog-Technologie technisch leicht überlegen, sie konnte sich international gegenüber der Marktführer-Allianz des Hardwareherstellers Intel und der Softwareschmiede Microsoft nicht durchsetzen. Da die SED durchaus hoffte, einmal DDR-Geräte mit der CPU V im Westen verkaufen zu können, war ein Festhalten am Zilog-Standard bedenklich.

Mitte 1982 begann das Elektronikministerium angesichts der hohen Beschaffungs- und Entwicklungskosten für die CPU V, den sowjetische I16 für den weiteren Einsatz in der DDR zu präferieren, um den Hauptabnehmer für ostdeutsche PCs, die UdSSR, nicht zu verprellen. In entsprechenden Gesprächen hatte sich die SU bereit erklärt, neben dem Mikroprozessor auch die meisten Zusatzschaltkreise für ein Intel-kompatibles System zu liefern. Die ZK-Abteilung MM unterstützte diese Orientierung und sprach sich für den Abbruch der CPU-V-Entwicklung aus. Neben der sicher richtigen Einschätzung, daß die Weiterführung der Zilog-Linie die DDR international isoliere, argumentierte sie in völliger Fehleinschätzung der tatsächlichen Entwicklung, daß es "aus zwingenden ökonomischen Gründen...weder international noch in den RGW-Staaten zu einem massenhaften Einsatz von 16-Bit-Systemen kommen" werde. Die Abteilung wollte damit, unter Verweis auf die angeblich niedrige Dringlichkeit des 16-Bit-Projektes, der Kritik des MWT begegnen, ein Umschwenken auf die Intel-Technologie bringe einen Zeitverlust mit sich. Sie legte ihrer Prognose offensichtlich die hohen Mikroelektronikpreise des RGW zugrunde. Auf dem Weltmarkt sanken jedoch infolge des rapiden technischen Fortschritts die CPU-Preise rasch ins Bodenlose, so daß die 16-Bit-Chips schon bald zum Standard wurden.

Sowohl die ZK-Abteilung Forschung und technische Entwicklung wie auch das Wissenschaftsministerium lehnten die Vorschläge des Elektronikministeriums und der Abteilung MM kategorisch ab. Dahinter standen Prestigegründe, handelspolitische Überlegungen und die Sorge, zuviel Zeit zu verlieren. Es sei "fragwürdig", so die Abteilung Forschung und technische Entwicklung, die eigene Produktion auf nur die Schaltkreise zu beschränken, welche die
SU nicht habe. Dann entstehe die Situation, daß "andere das Haupterzeugnis liefern, wir nur Ersatzteile". Das jedoch entsprach nicht dem Selbstverständnis der DDR als Endproduktexporteur, hing aber auch mit der Preispolitik im RGW zusammen. So wie die
DDR ihre Fertigwaren im Osten teuer verkaufte, so verlangte auch die SU für ihre Schaltkreise hohe Preise. "Aus ökonomischen Gründen", heißt es in einem Gutachten des MWT, müsse man "systembestimmende Teile eines Mikroprozessorsystems selbst produzieren, um als erster exportreife Lösungen anbieten zu können" - mit den entsprechenden Gewinnen. Zudem bestehe derzeit ein Vorsprung von 18 Monaten in der Softwareentwicklung für die CPU V, während die I16-Programme von der Sowjetunion erst viel später geliefert würden.

Nach Abwägung aller Umstände kam das Ministerium zu dem Schluß, daß die DDR allerdings nicht über die Potenzen verfüge, "um der Entwicklung der Mikroprozessortechnik...allein Rechnung zu tragen". Es gelte daher, mit der
SU zusammenzuarbeiten. Trotzdem solle die Entwicklung der CPU V mitsamt der Umkreis-Schaltkreise noch abgeschlossen und der Prozessor in die Produktion überführt werden, um im Interesse des Werkzeugmaschinenexports 1985 eine den "Weltstandards gerechte Lösung" für die Maschinensteuerung CNC 700 zu haben.

Das Konzept des Wissenschaftsministeriums setzte sich durch. Die Industrie bereitete den Einsatz der sowjetischen I16 weiter vor. Die DDR-Mikroprozessorentwicklung wurde mit der Option, die Forschungen nach der CPU V auf Eis zu legen, ebenso fortgesetzt. Während diese zweigleisige Strategie Ressourcen band, schmolz der angenommene Zeitvorsprung der CPU V dahin. Unter der Bezeichnung U 8000 kam sie erst Ende 1986 in das Produktionssortiment und die darauf basierende Werkzeugmaschinensteuerung CNC 700 wollte im Westen keine rechten Abnehmer finden. Mit einer gewissen Bestürzung kam der neue Elektronikminister Meier 1985 von der Hannovermesse zurück und vermeldete, daß sich international bereits die 32-Bit-Prozessoren durchsetzten. Der Rückstand der DDR hatte sich damit von etwa fünf Jahren zum Zeitpunkt der Produktionseinführung des U 880 1979/80 auf ungefähr sechs bis acht Jahre 1986 vergrößert.

 

Tabelle 5 - Mikroprozessorentwicklung international und in der DDR

 

In Produktion international. ab

In Produktion in DDR ab

8-Bit Intel 8080

1974

 

8-Bit Z 80

1976

 

8-Bit U 880 (wie Z 80)

 

1979/80

16-Bit Intel 8086

1978

 

16-Bit Z 8000 (Zilog)

1979

 

16-Bit U 8000 (wie Z 8000)

 

1985/86

32-Bit

1983/84

 

 

c) Die Kooperation mit der Sowjetunion

Meier leitete daraus die Forderung ab, ein Konzept für die Entwicklung von
32-Bit-Prozessoren zu erarbeiten. Ähnlich beeindruckt von der internationalen Entwicklung hatte sich schon ZK-Abteilungsleiter Tautenhahn gezeigt, der von der Hannovermesse 1984 den Vorschlag mitbrachte, die Mikroelektronikförderung noch weiter auszubauen und von 1985 bis 1990 jährlich eine Milliarde Mark in die Branche zu investieren.

Mit den finanziellen und materiellen Möglichkeiten der DDR hatte das in der Wirtschaftsführung ausbrechende "Mikroelektronikfieber" nicht mehr viel zu tun, die praktischen Probleme an der Basis nahmen die Spitzenfunktionäre kaum noch war. Die Erfolge ihrer Strategie maßen sie teilweise nach recht willkürlichen Kriterien. Wenn zum Beispiel in offiziellen Verlautbarungen Zahlen über finanzielle Vorteile des Mikroelektronikeinsatzes genannt wurden, so resultierten diese aus einer Aufrechnung des Schaltkreispreises gegenüber den Einzelkosten konventioneller Bauelemente, die gebraucht wurden, um die Funktionen des Chips zu ersetzen. Entsprechend verfuhren die Statistiker mit dem Gewichtsverhältnis zwischen konventionellen und mikroelektronischen Bauelementen usw. Fragen nach dem konkreten kaufmännischen Sinn des Chipeinsatzes, dem Gewinn oder den volkswirtschaftlichen Kosten der Mikroelektronikförderung blieben außen vor.

Eine etwas andere Perspektive hatte demgegenüber die mittlere Funktionärsebene, die mit den täglichen Schwierigkeiten der Mikroelektronikentwicklung viel direkter konfrontiert wurde. Ernüchternd fällt das Urteil eines Mitarbeiters in der SED-Bezirksleitung Dresden in einem Entwurf für die Tagung der Bezirksparteiorganisation aus. "Es ist zum Beispiel Fakt, daß viele Zweige immer weniger effektiv durch die zunehmende Nutzung der Mikroelektronik wurden, weil die Devisenertragskoeffizienten des Zweiges Mikroelektronik real niedriger liegen als die der Finalproduzenten." Und mit einem gewissen Wortwitz fügt er hinzu: "Da gegenüber den noch gültigen Beschlüssen des Politbüros die Entwicklung der Mikroelektronik nun mehr stark verzögert erfolgt, halte ich es moralisch nicht für gerechtfertigt, von beschleunigter Entwicklung zu sprechen und schlage vor, an Stelle von "beschleunigte" das Wort "planmäßige" zu setzen.".

In einer Analyse des Mikroelektronik-Forschungsbetriebes ZFTM schätzt die Abteilung Grundstoffindustrie, Maschinenbau, Elektroindustrie der Bezirksleitung Dresden ein, daß der Entwicklungsrückstand zum internationalen Niveau auf allen wichtigen Teilgebieten circa fünf Jahre betrage. Schuld daran sei die Priorität der Kennziffer Industrielle Warenproduktion vor der Forschung und Entwicklung. Der Bedarfsdruck der Industrie habe die langfristige Forschung hinter die Lösung von Tagesaufgaben zurücktreten lassen. Statt einer kontinuierlichen Technologiestrategie seien die Kräfte zersplittert worden. Weitere Ursachen des Rückstandes seien die übergroße Breite der technologischen Entwicklung, falsche oder verspätete Ausrüstungsinvestitionen, geringe Risikobereitschaft der Forscher und Entwickler sowie die "nichtausreichende Beherrschung der Produktionsüberführung und Ausbeute".

Nicht nur in der Entwicklung, auch bei der Produktion und Anwendung häuften sich die Probleme. Der Ausbau der Kapazitäten hielt mit dem sprunghaft steigenden Bedarf der Volkswirtschaft an integrierten Schaltkreisen nicht Schritt. Diese Differenz verursachte "erhebliche Störungen bei den Finalproduzenten", die mit ihren eigenen Plänen in Rückstand gerieten. Nicht selten verteilten die Elektronikbetriebe ihre Chips nicht nach Plan, sondern "operativ", d.h., je nach dem, was gerade da war.

Weiterhin mußten sich die Anwender mit der mangelhaften Qualität sowjetischer Schaltkreise herumärgern. Bezeichnend ist die stolze Mitteilung der ZK-Abteilung Parteiorganisation vom Juli 1985, daß das Leiterplattenwerk Riesa nun endlich eine Lösung gefunden habe, um die
SU-Chips in lötfähigen Zustand zu bringen. Als nächstes Problem stellte sich aber die Häufung elektrisch funktionsunfähiger Bauelemente heraus. Wie bereits im Abschnitt zu den
RGW-Handelsbeziehungen erwähnt, befaßte sich schließlich sogar das Politbüro mit den Ausschußchips aus der UdSSR.

Einer Anregung Krolikowskis folgend, setzte das Politbüro 1985 einen "neuen, sehr starken" Staatssekretär im Elektronikministerium ein, Karl Nendel, der zukünftig bei fast allen wichtigen Verhandlungen mit der Sowjetunion dabei war und in der Elektronikindustrie als "Einpeitscher" für Schwerpunktprojekte und die Planerfüllung fungierte.

Der Druck auf die Elektronikindustrie führte dazu, daß die Differenz zwischen dem Aufkommen und dem Bedarf an elektronischen Bauelementen bzw. TSAen bis zum November 1985 von 220 auf 150 Mio. Mark Warenwert sank. Die SPK und das MEE vereinbarten, in der gleichen Relation, in der die RGW-Partnerländer ihre Lieferungen elektronischer Bauelemente nicht einhielten, die DDR-Exporte zu kürzen und die freigesetzten Chips bzw. Ausrüstungen im Inland einzusetzen. Noch im gleichen Monat leistete die SU den Offenbarungseid und verkündete, daß sie nicht in der Lage sei, den Mikroelektronikbedarf der RGW-Länder zu decken. Trotzdem hielt die DDR an der Zusammenarbeit mit der SU fest, wohl auch, weil sie sich vom neuen, diesmal jüngeren Generalsekretär Gorbatschow mehr Schwung in den gegenseitigen Beziehungen erhoffte.

 

d) Forschung im Alleingang - Der Umbau von CZJ zum Technologiekombinat

Bei den Wirtschaftsfunktionären in Partei und Staat wie Mittag, Elektronikminister Meier, Staatssekretär Nendel und ZK-Abteilungsleiter Tautenhahn, die ohnehin schon seit geraumer Zeit in der Beherrschung der Mikroelektroniktechnologie eine Schicksalsfrage der ostdeutschen Volkswirtschaft sahen, reifte die Idee heran, mit einer großen Kraftanstrengung nun den großen innovativen Sprung zu schaffen. Entweder mit oder ohne sowjetische Unterstützung sollte die Entwicklung und Produktion neuester Speicherchips und Mikroprozessoren forciert werden. Die Mikroelektronikrevolution im Westen, die sinkende Wettbewerbsfähigkeit bisheriger Exportschlager wie bsw. Werkzeugmaschinen durch das Fehlen moderner Steuerungen und die schleppende Versorgung mit elektronischen Bauelementen aus dem RGW waren die wichtigsten Anstöße für diesen Plan. Der schon erwähnte Brief des Kybernetikforschers Kempe an Erich Honecker dürfte die Umsetzung des Vorhabens noch beschleunigt haben. Kempe kritisierte darin den wachsenden Rückstand der DDR in der Mikroelektronikanwendung. "Die in der Republik hergestellte Rechentechnik bleibt in Menge; Zuverlässigkeit, Leistungsvermögen, Preis, Ausstattung und Software besorgniserregend hinter dem internationalen Stand zurück", schrieb der Akademiewissenschaftler. "Nach jahrelangen Importversorgungs-Illussionen und Versäumnissen einiger Leiter wurden kurzfristig Entscheidungen zur Eigenversorgung mit Personalcomputern getroffen...Unter Zeitdruck entstehen nun Verluste." 8- und 16-Bit-Mikroprozessoren seien fünf bis sechs Jahre zu spät bereitgestellt worden. Weitere Engpässe seien durch den mit der SU vereinbarten Entwicklungsstopp des U 8000 (CPU V) zu erwarten.

Auch wenn Kempe mit seinen Ausführungen frontal die Wirtschaftsführung (und damit Mittag) angriff und dafür auch eine geharnischte Antwort erhielt, so blieb er doch nicht ohne Einfluß auf die weiteren wirtschaftspolitischen Entscheidungen. Dafür spricht der kurze zeitliche Abstand von nur einem Monat zwischen Kempes Brief und dem Politbürobeschluß zum Ausbau des Kombinates Carl Zeiss Jena, aber auch die Tatsache, daß Kempe zur entsprechenden Politbürovorlage eine Stellungnahme abgeben durfte.

Auch kamen seine Argumente denjenigen im Partei- und Staatsapparat entgegen, die bereits 1985 dafür plädiert hatten, weiterhin eigene Mikroprozessoren in der DDR zu entwickeln und sich von sowjetischen Zulieferungen abzukoppeln. Angesichts der zunehmenden Probleme mit den SU-Chips schienen die damaligen Bedenken, voll auf die UdSSR zu setzen, gerechtfertigt. Selbst Tautenhahn und Meier, die sich 1985 für eine Orientierung auf sowjetische Schaltkreise eingesetzt hatten, zeigten sich von den Russen enttäuscht. Die SU stellte mittlerweile die ursprünglich vorgesehene gemeinsame Entwicklung des Megabitspeichers in Frage, da die DDR noch nicht die vorangegangene Technologiestufe des 256-kB-Chips in den Griff bekommen hatte. Während in der UdSSR dieser Speicherchip mit Anlagen aus dem Haus CZJ schon vom Band lief, scheiterte der Aufbau einer analogen Fabrik in der DDR am mangelnden Entgegenkommen der Russen und der durch die bisherigen TSA-Exporte bedingten fehlenden Technikgrundlage. Einer ostdeutschen Besuchsdelegation verweigerten die sowjetischen "Partner" sogar die Besichtigung des kompletten Fertigungsprozesses für den 256-kB- und den gerade anlaufenden 1-MB-Schaltkreis, obwohl die DDR von insgesamt 100 technologischen Hauptausrüstungen und 80 Spezialausrüstungen 13 Hauptausrüstungen einbrachte. Die SED-Funktionäre fühlten sich brüskiert. Auch wenn sie sich darüber im Klaren waren, daß die ostdeutsche Industrie nur den kleineren Anteil der Maschinen beisteuerte und die Ressourcen der DDR nicht ausreichten, um im Sinne einer besseren Verhandlungsposition diesen Anteil bedeutend auszuweiten, hatten sie doch mehr Ergebnisse aus den TSA-Exporten erwartet. Um den schnell wachsenden Bedarf der Volkswirtschaft nach moderner Mikroelektronik trotz der Blokadehaltung der Russen zu sichern, beschloß das Politbüro im Februar 1986, anscheinend ohne Absprache mit der UdSSR, die "Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsbasis für höchstintegrierte Schaltkreise" deutlich auszubauen. Nur so könnten die Überleitzeiten für neue Chips verkürzt und "Zeitgleichheit mit der SU" erreicht werden, begründete das Gremium den Plan. Durch die Entwicklung eigener Basistechnologien und Produktionsausrüstungen gemeinsam mit der sowjetischen Industrie solle die bisherige "NSW-Importabhängigkeit" vermindert werden. Es sei notwendig, den DDR-Anteil an der Produktion von höchstintegrierten Schaltkreisen auszuweiten, um so die Zusammenarbeit mit dem RGW, besonders der SU, auf ein "neues Niveau" zu heben. Die DDR wollte, im Klartext gesprochen, der SU nicht mehr als der kleine Bittsteller gegenüber stehen, sondern als Partner, der etwas vorzuweisen hatte. Der dafür erarbeitete Maßnahmenkatalog umfaßte sowohl den Ausbau der bestehenden Entwicklungs- und Produktionskapazitäten, wie auch Umstrukturierungen der Kombinate CZJ und Mikroelektronik Erfurt.

Bereits in der Vergangenheit hatte CZJ eine wichtige Position in der ostdeutschen Volkswirtschaft eingenommen. Das Kombinat erwirtschaftete wertvolle Devisen für die DDR, 1981 beispielsweise konnte es mit 222 Mio. Valutamark (VM) die höchsten Valutaeinnahmen innerhalb der DDR-Elektronikindustrie verbuchen. Während allerdings die westdeutsche Neugründung des Traditionsunternehmens in Oberkochen die Sortimente der Vorkriegszeit, wie zum Beispiel Feinmeßtechnik, zu ertragreichen Exportlinien ausbaute, verlor die frühere Stammfirma in Jena, nun als VEB organisiert, auf diesen Gebieten an Wettbewerbsfähigkeit. Der Devisenerlös im Westexport sank in den achtziger Jahren spürbar ab, wenngleich er immer noch über dem DDR-Durchschnitt lag.

Dies hing auch mit den neuen Aufgaben zusammen, die das Kombinat übernommen hatte. Die Entwicklung sowie Produktion von "Verteidigungsgütern" und Ausrüstungen für die Mikroelektronik banden Kräfte, die den traditionellen Exportlinien nun fehlten. Um seinen Planauflagen nachzukommen, expandierte CZJ, indem es Betriebe aus anderen Industriezweigen umprofilierte und eingliederte.

Diesen Konzentrationsprozeß setzte das Politbüro mit seinem Mikroelektronikbeschluß 1986 fort. Angelehnt an die Bildung von Technologiekonzernen wie Daimler Benz im Westen sah das SED-Konzept vor, CZJ zu einem "Zentrum der Hochtechnologien" auszubauen, einem sozialistischen Konzern gewissermaßen. Das ZFTM Dresden und der VEB Hochvakuum Dresden mit zusammen 9600 Beschäftigten, die beide bisher zum Kombinat Mikroelektronik Erfurt gehört hatten, wurden per 1.7.1986 den Jenaern zugeordnet, außerdem der Kamerahersteller Pentagon für den Bedarf der Mikroelektronikindustrie umprofiliert. Zum Ausgleich war vorgesehen, für das Kombinat ME Erfurt ein neues Forschungszentrum mit einem Investitionsaufwand von einer Milliarde Mark, darunter 180 Mio. VM NSW-Importe, einzurichten. Das Politbüro entschied, die Kapazitäten von CZJ mit einem zusätzlichen Mitteleinsatz von einer Mrd. Mark so auszubauen, daß neue Erzeugnisse im Warenwert von
1,5 Mrd. Mark hergestellt werden konnten. Dies sollten vorwiegend Produkte sein, die auf Embargolisten des Westens verzeichnet waren. Vorgesehen war z. B. die "entscheidende Ausweitung des Sortiments technologischer Spezialausrüstungen" für höchstintegrierte Schaltkreise und der "Aufbau neuer Erzeugnislinien auf der Grundlage des Staatsauftrages Mikrooptoelektronik für zivile und militärische Nutzungen." 50 % dieser Waren plante das Politbüro für den SU-Export ein, um "strategisch wichtige Spezialimporte" abzusichern. Gemeint waren damit anscheinend sowohl Maschinen für die Chipherstellung, über die die DDR nicht verfügte, als auch Einfuhren, die sich aus militärischen Verpflichtungen ergaben. Die andere Hälfte der Zusatzproduktion war für den Inlandbedarf vorgesehen.

CZJ sollte sich mit seinen neuen Forschungszentren in Dresden fortan auf die Entwicklung mikroelektronischer Grundverfahren von Speicherchips, Spezialprozessoren und kundenspezifischer Schaltkreise konzentrieren, während die Erfurter sich um den Entwurf von Mikroprozessoren, programmierbaren Speichern und Logikschaltkreisen zu kümmern hatten.

Das Politbüro verpflichtete CZJ, bis 1988 den 256-kB- und bis 1990/91 den 1-MB-Speicher zu entwickeln. Teilleistungen dafür sollten aus der SU und Japan "als einzig möglichem kapitalistischen Land" importiert werden, wobei der DDR-Anteil an TSAen rasch zu steigern sei. Das Kombinat ME Erfurt hingegen hatte dafür zu sorgen, daß 1989 ein weiterentwickelter schneller 16-Bit-Prozessor und 1990/91 ein Mikroprozessor mit 32 Bit Verarbeitungsbreite zur Verfügung stand. Neben den zwei Milliarden Mark Sachinvestitionen für beide Kombinate veranschlagten die Wirtschaftsfunktionäre noch einmal eine Milliarde Mark an Kosten im Zeitraum 1990-95 für die Überführung der neuen Technologien in die Produktion. Da aus dem Staatshaushalt keine Devisen zur Verfügung standen, mußte der Bereich Kommerzielle Koordinierung unter Schalck-Golodkowski die Finanzierung der anzuschaffenden westlichen Anlagen übernehmen. KoKo erhielt die Auflage, Bargeldkredite bereitzustellen, die zwischen 1991 und 1995 aus planmäßigen Fonds zurückzuzahlen waren. Die anfallenden Zinsen sollte KoKo zusätzlich erwirtschaften. Die SED setzte hier wieder auf das 1981/82 bereits einmal gescheiterte Modell, Technologieimporte aus dem Westen mit den zu erwartenden überdurchschnittlichen Gewinnen aus der so ermöglichten Zusatzproduktion zu refinanzieren.

 

e) Der Ergänzungsbeschluß

Doch kaum verabschiedet, war der Beschluß schon wieder Makulatur. Nicht nur, daß "vergessen" worden war, die SU, auf deren Zulieferungen der Plan entscheidend aufbaute, vorher zu konsultieren. Bald wurde auch klar, daß das Programm zu hastig und zu schlecht vorbereitet worden war. Anscheinend hatte die verantwortlichen Funktionäre Panik erfaßt, als sie bei Besuchen auf westlichen Messen oder in Publikationen die Fortschritte der Mikroelektronik im NSW sahen und mit den eigenen Bemühungen auf diesem Gebiet verglichen. Ein Programmentwurf, dessen Finanzierung sich zumindest valutaseitig auf Pump gründete, war schnell zusammengezimmert, der dann dem Politbüro, in dem Mittag mit Unterstützung Honeckers übermächtig geworden war, zur Absegnung vorgelegt wurde. Erst im nachhinein folgte eine tiefere Analyse der hohen finanziellen, materiellen, personellen und strukturellen Anforderungen, die sich aus der Mikroprozessor- und Speicherchipproduktion ergaben. Es stellte sich heraus, daß das Tempo des Generationswechsels von Integrated Circuits (ICs) noch unterschätzt worden war und ein Anschluß an das Weltniveau mit den Februarbeschlüssen nicht erreicht werden konnte. Statt jedoch die Frage zu diskutieren, ob der jüngste Mikroelektronikbeschluß überhaupt in der DDR umsetzbar wäre, heizten derartige Untersuchungen das "Megachip"-Fieber eher an.

Schon im Februar feilten die Industrieministerien und ZK-Abteilungen an einem Ergänzungsentwurf zum Politbürobeschluß, der das Kombinat CZJ aufforderte, die Entwicklung des 256-kB-Speichers statt 1988 bereits 1987 abzuschließen und auch den
1-MB-Chip ein Jahr früher, als im ursprünglichen Beschluß geplant, bereitzustellen. Die Serienproduktion aller älteren Speicherschaltkreise sollte vom Forschungszentrum Dresden an Erfurt abgegeben und dafür die Entwicklung der höheren Integrationsgrade angegangen werden, inklusive des 4-Megabit-Speichers, von dem zuerst überhaupt nicht die Rede gewesen war.

Staatssekretär Nendel und Generaldirektor Biermann reisten mit diesem Konzept in der Tasche im März 1986 nach Selenograd, um das Einverständnis der SU einzuholen. Dies war längst überfällig, denn mit den jüngsten Beschlüssen wich die DDR von ihrer bisherigen Orientierung ab, TSAen primär an die sowjetische Industrie zu liefern, immer in der Hoffnung, in Honorierung dessen von den Russen Unterstützung und das ausgereifte Know-how für den technologischen Gesamtprozeß zu erhalten. Statt dessen sollte nun die eigene Entwicklungs- und Produktionsbasis gestärkt werden. Wie bereits erwähnt, verknüpfte die SU ihr Einverständnis mit Bedingungen. Unter anderem mußte die DDR bis auf weiteres die Arbeit an der (eigentlich veralteten) n-MOS-Technik fortführen, obwohl die Zukunft der CMOS-Methode gehörte. Da der Ankauf westlicher Anlagen durch die Devisenknappheit der Staatskasse und Embargobestimmungen begrenzt wurde, war der Entwurf und die Produktion höchstintegrierter Speicher in der DDR ohne sowjetische Zulieferungen nahezu ausgeschlossen. Daher konnten Nendel und Biermann froh sein, daß die Russen sich nicht quer stellten.

Nach dem Okay aus Moskau reichten das Elektronikministerium, das Wissenschaftsministerium, die SPK und die Generaldirektoren der Kombinate Carl Zeiss Jena sowie Mikroelektronik Erfurt im April die Beschleunigungsvorlage beim Politbüro ein. Inzwischen hatte sich allerdings herausgestellt, daß die originär veranschlagten Investitionsmittel bei weitem nicht ausreichen würden. Berechnungen in Dresden ergaben, daß durch die Vorziehung der Forschungsvorhaben nicht nur der absolute Mitteleinsatz bis 1990 auf
1,4 Mrd. Mark steigen, sondern auch der Devisenaufwand allein für die Umrüstung der Serienproduktionsstätten auf das höhere Integrationsniveau 350 Mio. VM verschlingen würde. Schalck-Golodkowski schätzte die Kreditmehrbelastung im Jahr 1987 für die vorgezogene Pilotproduktion des 1-MB-Speichers auf 100 Mio. VM und verwies auch auf das ungelöste Problem fehlender Arbeitskräfte. Die Vorlage gehe, so Schalck, von einer weitergehenden Kooperation mit der SU aus, die durch Zusatzlieferungen von Ausrüstungen und Technologien, an denen die Russen "äußerst stark" interessiert seien, erwirkt werden müsse. Gehe die UdSSR darauf nicht ein, sei das Konzept "nicht realisierbar".

Anscheinend gelang eine Einigung mit der sowjetischen Seite, möglicherweise in Folge einer erneuten Reise Biermanns in die SU, denn die Ergänzung zum Politbürobeschluß wurde zur Grundlage der weiteren Mikroelektronikförderung in der DDR.

 

f) Die Umstrukturierung

Nicht nur die Verhandlungen mit den Russen, auch die Umstrukturierungen in der Elektronikindustrie gestalteten sich schwierig. Gemeinsam mit der Dresdner SED-Bezirksleitung plante Generaldirektor Biermann den "Konzentrationsprozeß" des Kombinates geradezu generalstabsmäßig auf der Basis einer "Führungskonzeption" und mit Unterstützung durch einen "Parteistab". Zunächst unterstellte er sich die Betriebsdirektoren der anzugliedernden Betriebe ZFTM und Hochvakuum Dresden (HVD), drei Monate später folgte die juristische und ökonomische Eingliederung. Im ZFTM, das seit einiger Zeit als relativ leistungsstark galt, wurde die Struktur der siebziger Jahre wiederhergestellt. Es spaltete sich in zwei Teilbetriebe. Das Zentrum für Mikroelektronik Dresden (ZMD) war fortan für den Schaltkreisentwurf, der VEB Elektromat für die Entwicklung der Ausrüstungen verantwortlich.

Mit Hochvakuum Dresden handelte sich CZJ hingegen einen Verlustbetrieb ein. Laut einem eilends erstellten Betriebskonzept war selbst bis 1990 nicht zu erwarten, daß HVD den Inlandbedarf an Vakuumkomponenten würde decken können. Dies sei, so das Konzept, besonders problematisch bei Zulieferungen für Exporte von Produkten, die ein Vielfaches des Wertes der Vakuumapparaturen ausmachten. Bis 1987 verschärften sich die Probleme weiter. In einem Gutachten schätzte das Institut Manfred von Ardenne ein, daß der Deckungsgrad an Vakuumteilen durch den VEB HVD von 57 % 1985 auf 40-50 % 1987 abgesunken sei. Von einem essentiellen Beitrag zur Produktion von TSAen war HVD noch weit entfernt. Der stellvertretende Leiter des Ardenne-Instituts Schiller warnte nachdrücklich: "Ich kenne den Betrieb. Nach meiner Meinung gibt es für die Fertigung von Beschichtungsanlagen weder materielle noch personelle Voraussetzungen, die auch nicht so schnell zu schaffen sind."

Auch andere Zulieferer, wie zum Beispiel das Kombinat Luft-, Kälte-, Klima- und Entstaubungstechnik, waren den gesteigerten Forderungen der Mikroelektronikfirmen nicht gewachsen, obwohl sie teilweise die Wünsche von Betrieben "ohne besondere volkswirtschaftliche Dringlichkeit" schon gar nicht mehr berücksichtigten.

Hinzu kamen die Reibereien der beiden Mikroelektronikkombinate untereinander. So wehrte sich der Generaldirektor von Mikroelektronik Erfurt, Wendler, gegen die laut Ergänzungsbeschluß vorgesehene Übernahme der Schaltkreisproduktion des ZFTM durch sein Kombinat. Dafür habe er keine Kapazitäten übrig, argumentierte er. Auch entbrannte zwischen Wendler und Biermann ein Tauziehen um die Forscher des ZFTM. Wendler hatte kurz vor der Übergabe des Forschungszentrums an CZJ den ZFTM-Betriebsdirektor Gottschling angewiesen, zehn "Spitzenkader der Entwicklung" an ihn abzustellen. Dies untersagte aber Biermann, zu dessen Kombinat das ZFTM ab Juli gehören sollte. Auch Gottschlings Kompromißvorschlag, den Erfurtern wenigstens ein paar Leute zu überlassen, lehnte Biermann ab.

Der Jenaer Generaldirektor versuchte offensichtlich, für die seinem Kombinat auferlegten neuen Aufgaben ein Maximum an Ressourcen an sich zu binden. Doch selbst nachdem Teile der Militärforschung von CZJ zugunsten der Entwicklung von TSAen eingestellt wurden, standen die Chancen für das Mikroelektronikprogramm der SED nach Meinung Biermanns schlecht. Er schätzte in einem Brief an Mittag ein, daß trotz der Kräftekonzentration von SU und DDR die "erforderliche Breite" der TSAen für die Chipproduktion nicht erreicht werde. Die Antwort war ein weiteres Zugeständnis an CZJ. Auf Vorschlag der ZK-Abteilung MM wurde nach dem ZFTM, dem HVD und Pentagon nun auch noch der VEB Elektroinvest Jena dem Kombinat zugeordnet.

Um die Marschroute zur Höchstintegration durchzuhalten, setzte Biermann auf "neue Führungsmethoden", zu denen eine "hohe Verbindlichkeit der Leistungsziele" und "angemessene Stimulierungsmöglichkeiten" gehörten. Dieses "Sonderregime", das für die Entwicklungsarbeiten am 1-MB-Schaltkreis (das sogenannte Mega-Projekt) noch ausgebaut wurde, schlug sich einerseits in Gehaltszuschlägen von bis zu 50 % für "Schlüsselpersonal", andererseits in einer "straffen", um nicht zu sagen rücksichtslosen persönlichen Leitung durch Generaldirektor Biermann nieder. Wöchentlich hatten sich die Betriebsdirektoren und Forschungspartner bei Biermann zur "Anleitung und Kontrolle" einzufinden. Wer, wie ZMD-Direktor Gottschling 1989, die Anforderungen nicht mehr erfüllen und "in Übereinstimmung mit meiner Familie" bringen konnte, wurde vom Generaldirektor erbarmungslos als "gesellschaftlich zurückgebliebener Typ" abgekanzelt, dessen "Charakter noch abzuschleifen" sei.

Um die 1986er Mikroelektronikbeschlüsse des Politbüros durchzusetzen, verließ sich die Parteiführung nicht allein auf die Wirtschaftsleiter. Von staatlicher Seite überwachte Elektronikstaatssekretär Nendel als Sonderbeauftragter die Schwerpunktprojekte. Im unterstand die Führungsgruppe "Mikroelektronik und Rechentechnik", die insbesondere die Fortschritte auf dem Gebiet der Speicherchipentwicklung, des Mikroprozessorenentwurfs und der Mikroelektronikanwendung für EDV-Zwecke anhand von halbjährlichen Rahmenarbeitsplänen abrechnete. Auf bezirklicher Ebene setzte die SED Führungsstäbe ein, die gemeinsam mit den Parteiaktiven der Betriebe die laufenden Vorhaben anleiteten.

 

g) Lieferprobleme der Sowjetunion

Während die Wirtschaftsführung im Inland rigoros darauf bestand, trotz aller Probleme die gesetzten Termine einzuhalten, verzögerte sich die vorgesehene "gemeinsamen Kräftekonzentration" von SU und DDR. Als Wissenschaftsminister Weiz im November 1986 die sowjetische Allunionsvereinigung für Mikroelektronik Selenograd besuchte, gestand ihm dessen Generaldirektor Iwanow, daß es "recht komplizierte Probleme" beim Übergang vom
64- auf den 256-kB-Speicher gegeben habe. Von den vollmundigen Vorwürfen der Russen, die DDR bleibe in der Entwicklung des 256-kB-Chips zurück, war nichts mehr zu hören. Auch im März 1987 hatte sich die Situation kaum verändert. Staatssekretär Nendel berichtete, die SU unternehme zwar alles, um 1987 die vereinbarten Ausrüstungen für den 256-kB-IC nach Dresden zu liefern. Bei der Industrieerprobung der Ausrüstungen gebe es jedoch "erhebliche Probleme". Der damalige technische Direktor des ZFTM (ab 1986: ZMD), Dieter Landgraf-Dietz, erinnert sich, von den sowjetischen Maschinen nur Muster gesehen zu haben, die in der Praxis versagten. "Es ist nie zum Masseneinsatz der Plasmaätzanlagen aus der SU, die wir bis zum Erbrechen erprobt haben, gekommen. Daraufhin wurde in Zeiss-Regie begonnen, die Eigenproduktion von Trockenätzern und Ionenplantantern vorzubereiten." Dies war kostenaufwendig und zog F/E-Potential von den eigentlichen Schwerpunktaufgaben ab. Da andere Betriebe weder imstande noch willens waren, entsprechende Entwicklungs- und Produktionsarbeiten in ihre Bilanzen aufzunehmen, mußte das Forschungszentrum "jede Umwälzpumpe und jedes Teil" für den Eigenbedarf selbst konstruieren und bauen, statt sie einfach einzukaufen. Der Mangel an Material und Spezialisten für derartige Apparaturen führte dazu, daß die ZMD-Lösungen "plump und teuer" waren und mit dem internationalen Technologieniveau selten mithalten konnten. Die Fertigungstiefe im ZMD und Elektromat, d.h. der Anteil der Vorprodukte, die im eigenen Betrieb für das Kernsortiment hergestellt wurden, erreichte bis zu 90 %, während analoge westliche Firmen üblicherweise etwa 90 % zukauften.

Von heute auf morgen konnten Ersatzanlagen für die ausgefallenen sowjetischen Maschinen jedoch nicht entwickelt werden, so daß "übergangsweise" Technik aus dem Westen importiert werden mußte. Das erklärte Ziel des Politbürobeschlusses vom 11.2.1986 (das schon in seiner ursprünglichen Fassung nicht unwesentlich auf dem Einkauf westlicher Hochtechnologie basierte), sich von NSW-Einfuhren unabhängig zu machen, wurde dadurch konterkariert. Dies war keineswegs eine neue Linie, sondern hatte, gerade in der Mikroelektronik, lange Traditionen. 1981 veranschlagte beispielsweise CZJ-Generaldirektor Biermann an seinen Minister die Legalisierungskosten (d.h. Bestechungsgelder etc., die den "Handelspartnern" im NSW den illegalen Charakter dieser Geschäfte versüßen sollten) für Anlageimporte auf 23 Mio. VM. Im Januar 1986 berichtete Schalck-Golodkowski Mittag, daß 1985/86 knapp eine halbe Milliarde Valutamark für die Einfuhr von 32-Bit-Rechnern, CAD/CAM-Stationen, elektronischen Bauelementen und TSAen gebraucht würden. KoKo besorgte die Technik gemeinsam mit dem Elektronikministerium und den "speziellen Beschaffungsorganen" des MfS und bezahlte sie auch. Teilweise mußte das Doppelte bis Dreifache des Nominalpreises an die Zwischenhändler im Westen überwiesen werden, um Embargogüter einkaufen zu können.

Ohne geheimdienstliche Methoden war dies kaum möglich, wie Schalck-Golodkowski einschätzte: "Diese Importe, insbesondere Rechentechnik, unterliegen überwiegend strengen Embargobestimmungen und sind nur auf konspirativen Bezugslinien beschaffbar." Nur für ausgewählte Kombinate konnten CAD/CAM-Systeme auf offiziellem Weg von Siemens gekauft werden. Diese speziellen Beschaffungsmethoden setzten MfS und KoKo auch wieder zur Erfüllung des besagten Politbürobeschlusses vom 11.2.1986 ein. Das Mielkeministerium organisierte moderne Rechentechnik und periphere Geräte für die Speicherschaltkreisentwicklung im ZFTM Dresden, so daß Forschungszeit für das Megabitchip-Projekt gewonnen wurde. Nach Einschätzung des ehemaligen ZMD-Entwicklungsdirektors Landgraf-Dietz war "von den Geräten, die 1989 im ZMD standen, vom Finanzvolumen und der Menge her etwa die Hälfte aus dem Westen, der Rest aus der DDR. Von den Westmaschinen war die Hälfte legal importiert, die anderen wurden unter Umgehung der Embargobestimmungen beschafft". Eine "Grundkonzeption" für den VEB Elektromat Dresden aus dem Jahr 1987 sah vor, den Anteil der westlichen Maschinen bis 1990 auf ein Drittel oder weniger zu reduzieren, der Rest sollte zur Hälfte aus der DDR und der UdSSR kommen.

Der Import westlicher Technik, die bevorzugte Belieferung der Mikroelektronikbetriebe zuungunsten anderer Industriebereiche, die Sonderprämien für die Forscher und die quasi militärische Organisation der Entwicklungsarbeiten zeitigten schließlich erste nominelle Erfolge. Im Juli 1987 informierte Biermann das Büro Mittag, daß DDR und SU etwa den gleichen Stand beim Entwurf des 1-MB-Speichers erreicht hatten, wobei sich die ostdeutsche Präferenz für die CMOS-Technologie durchsetzen konnte. Zum 38. Jahrestag der DDR-Gründung im Oktober legte CZJ erste Muster des 256-kB-Chips vor und verkündete, 1988 davon 50 000 Stück zu produzieren. Im Dezember des Jahres meldete Nendel, daß die ersten zehn 32-Bit-Computer (noch ohne DDR-eigenen 32-Bit-Prozessor) bereit ständen.

Der Staatssekretär warnte allerdings davor, Biermanns Erfolgsberichte überzubewerten. Wenn der Jenaer Generaldirektor den Eindruck zu erzeugen versuche, die aktuellen Fortschritte seien alles Leistungen seines Kombinates, so treffe dies nur teilweise zu. Erst die "Beschaffung entscheidender Ausrüstungen durch die zuständigen Organe" (d.h., die Einfuhr von Westtechnik durch das MfS und KoKo) habe die Grundlagen für die Entwicklungsarbeiten von CZJ gelegt. Dieser Weg müsse auch bei Ausrüstungen für den 1-MB-Speicher beschritten werden. Hinzu kam, was Nendel nicht erwähnte, den SED-Funktionären im Dresden aber bekannt war: Das ZFTM beherrschte die 256-kB-Technologie noch nicht soweit, daß an eine Massenproduktion zu denken war. Da moderne Meßgeräte aus dem NSW nicht zur Verfügung standen, häufte sich der Anteil fehlerhafter Speicher während der Einlaufkurve.

Auch die Planungen für den 1-MB-Chip wiesen generelle Defizite auf. Die für diesen Schaltkreis vorgesehene Fabrik sollte zunächst in Dresden mit einer Kapazität von maximal
20 000 Stück pro Jahr aufgebaut werden. Damit wäre aber weder der volkswirtschaftliche Bedarf gedeckt, noch eine wirtschaftliche Herstellung möglich gewesen. Zur Diskussion stand deshalb eine weitere Fertigungsstätte für die Massenproduktion, die allerdings 2,1 Mrd. Mark, nach späteren, realistischeren Ansätzen sogar drei bis vier Milliarden Mark gekostet hätte. Damit wäre der finanzielle Rahmen, mit dem der Politbürobeschluß vom 11.2.1986 operiert hatte, bei weitem gesprengt worden. Die Trennung von Entwicklung auf der einen, Massenproduktion auf der anderen Seite in zwei Kombinaten begann sich zunehmend negativ auszuwirken. Statt eines modularen Ausbaus der Pilotproduktion von der Entwicklungsphase zur Großfabrikation an einem Standort mußten unter hohem Aufwand zunächst kleinere Einrichtungen in Dresden eingerichtet werden, um dann die Technik mit entsprechenden Reibungsverlusten nach Erfurt zu überführen. Während beispielsweise im ZMD bei der Serienfertigung von 64-kB-Chips eine Ausbeute (d.h. der Anteil von Chips pro bearbeiteter Siliziumscheibe, die auch wirklich funktionsfähig waren) von 28 % erreicht worden war, lag dieser Wert nach der Überleitung in die Erfurter Massenproduktion bei nur 15 %. Wichtige Ausrüstungen standen bei weitem nicht in dem Umfang zur Verfügung, wie für eine Großfertigung benötigt, und bei einigen Technologieschritten tauchten Probleme auf, die während der Kleinserienproduktion nicht erkennbar gewesen waren. Von den 4 Millionen 64-kB-Chips, die 1988 planmäßig das Werk verlassen sollten, hatten die Erfurter in den ersten drei Quartalen gerade einmal 400 000 Stück geschafft.

Zu diesem organisatorischen Problem traten das technologische der im internationalen Vergleich zu geringen Ausbeute und das personelle, da die Mikroelektronikindustrie aufgrund verschärfter "kaderpolitischer Anforderungen" große Schwierigkeiten hatte, genügend ausgebildete Arbeitskräfte anzuwerben.

 

h) Die Eigenversorgungsbeschlüsse 1986/87

Sowjetische Lieferausfälle und Qualitätsprobleme mit SU-Bauelementen waren, wie schon in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, an der Tagesordnung. 1986 mußten deshalb monatliche Ersatzimporte aus dem Westen im Wert von einer Million Valutamark getätigt werden. Ab 1987 lieferte die UdSSR Speicherschaltkreise nur noch in Plastikhüllen aus, während die DDR-Konstruktionen von den international üblichen Keramikgehäusen ausgingen. Schürer und Meier mußten auf Nachfrage beim sowjetischen Elektronikminister Kolesnikow erfahren, daß weder 1988 noch in den Folgejahren mit einer Besserung zu rechnen sei. Während die DDR 1987 ihre Exportverpflichtungen eingehalten habe, stehe dem ostdeutschen Bedarf an ICs im Wert von 700 Mio. Mark 1988 nur Lieferzusagen der SU in Höhe von 400 Mio. Mark gegenüber, berichteten die beiden an Mittag.

Deshalb schlug Staatssekretär Nendel im Oktober 1987 vor, neben der forcierten Entwicklung von Speicherschaltkreisen und Prozessoren, nun auch die Massenproduktion elektronischer Bauelemente auszubauen und eine eigene Fabrik für Keramikgehäuse zu errichten.

Sein Plan sah vor, die bestehenden Mikroelektroniklinien in Erfurt zu erweitern und dort ein neues Forschungszentrum sowie zwei weitere Werke, die 1989 bzw. 1991 den Probebetrieb aufnehmen sollten, zu errichten. Zusätzlich sollten VEBs in Seebach und Mühlhausen auf die vollautomatisierte Montage von ICs umprofiliert, Arbeitskräfte aus der Uhrenfertigung Ruhla in die Elektronikindustrie umgesetzt und bis 1991 ein Leiterplattenzentrum in Arnstadt gebaut werden. Nendel schätzte, daß für Investitionen und TSA-Importe aus dem NSW ab 1990 jährlich 400 Millionen Valutamark erforderlich seien, um mit dem internationalen Tempo der Mikroelektronikentwicklung mitzuhalten.

Meier, Schürer, Weiz und Schalck-Golodkowski bekamen von der
ZK-Wirtschaftskommission unter Mittag den Auftrag, eine entsprechende Vorlage für das Politbüro zu erarbeiten. Sie hielten sich dabei weitgehend an Nendels Vorstellungen. Sie veranschlagten den Aufwand für die Investitionen in den Kombinaten Mikroelektronik Erfurt, Carl Zeiss Jena, Keramische Werke Hermsdorf und in der Akademie der Wissenschaften auf
1,4 Mrd. Mark. Auf der Basis zinsloser Kredite (wohl aus dem Bereich KoKo) sollten bereits geplante NSW-Ausrüstungsimporte um ein Jahr vorgezogen und das Arbeitskräfteproblem durch die Anwerbung von 500 vietnamesischen Gastarbeitern gelöst werden. Der Maßnahmekatalog sah vor, 1988 50 000 und 1990 2,2 Mio. 256-kB-Speicher zu produzieren sowie ab Ende 1991 die "Eigenversorgung" und einen rentablen SW-Export mit 1-MB-Schaltkreisen zu sichern.

Am 17.11.1987 bestätigte das Politbüro diesen Entwurf mit der Ergänzung, daß bis zur Wirksamkeit der Investitionen für die ausgefallenen SU-Schaltkreislieferungen Ersatz im Westen besorgt werden solle. Dafür wurden 1988 25 Mio. VM, 1989 35-40 Mio. VM und 1990
120 Mio. VM eingeplant, nach dem damals gültigen internen Umrechnungssatz also über eine dreiviertel Milliarde DDR-Mark.

Doch 1988 begann sich die gesamtwirtschaftliche Situation zu verschlechtern. Die Anzeichen einer Überforderung der Elektronikindustrie wie auch der anderen Wirtschaftsbereiche durch die Wirtschaftspolitik der SED mehrten sich und leise Kritik am Mikroelektronikkurs wurde laut. So wies SPK-Vorsitzender Schürer im September 1988 das Ansinnen des Elektronikministers Meier zurück, der überplanmäßig Werkzeugmaschinen für seinen Industriebereich erhalten wollte. Dieser zusätzliche Bedarf von 28,6 Mio. Mark könne nur auf Kosten des NSW-Exportes gedeckt werden, meinte Schürer, da aus der gesamten Volkswirtschaft bereits Mehrforderungen im Wert von 300 Mio. Mark bei der Plankommission eingegangen seien. Über die außerdem von Meier angemeldeten Mehrimporte von westlicher Elektronik wolle er später entscheiden. Wichtiger sei es, daß Carl Zeiss Jena und das Computerkombinat Robotron mehr in das NSW exportieren. Es gehe nicht an, daß das Textilkombinat Deko mehr im Westen erwirtschafte als die Zeissianer und sogar die Spielwarenindustrie Robotron überhole.

Zu dieser Zeit muß sich Schürer im engeren Kreis bereits recht skeptisch über die Mikroelektronikförderung, wie sie von Honecker und Mittag praktiziert wurde, geäußert haben. Anders läßt sich ein schriftlich fixiertes Dementi des Planungschefs über diesbezügliche Gerüchte vor dem Ministerrat kaum interpretieren. Darin heißt es: "Bei Diskussionen über den Sinn der Mikroelektronikinvestitionen berufen sich verschiedene Genossen auf mich...ich erkläre...daß diese Investitionen im vollen Umfang von mir unterstützt werden und volkswirtschaftlich von außerordentlich großer Bedeutung sind".

Deutlicher formulierte der SED-Bezirkschef von Dresden, Hans Modrow, während der Delegiertenkonferenz des ZMD im November 1988 seine Kritik. Der Vorrang der Schlüsseltechnologien in der DDR sei "nicht absolut unumstritten", so Modrow. Bei dem großen Aufwand bleibe die Frage nach dem Nutzen. Anspielend auf ein vermutetes Ziel der Wirtschaftspolitik des zentralen Parteiapparates, die SU von der Lieferung ostdeutscher TSAen abhängig zu machen, setzte er hinzu, es sei ausgeschlossen, auf dem sowjetischen Markt Monopolbelieferer zu werden. Bereits 1978/79 habe der damalige Landwirtschaftssekretär im ZK der "SU klarmachen wollen, daß wir unbedingt den besseren Mähdrescher haben" und daß sie die Produktion von Mähdreschern einstellen solle, die DDR werde alles liefern. In der Praxis hätten die Maschinenbauer jedoch gesagt, dies sei unmöglich.

Trotz aller mahnenden Stimmen hielt jedoch die "Mikroelektronik-Allianz", die sich um Honecker, Mittag, Meier und die ZK-Abteilung MM scharte, an ihrem Kurs fest. Elektronikminister Meier, der für das Planjahrfünft 1991-95 von einer Verdreifachung (!) der Gewinne seines Industriebereiches ausging, forderte, das Innovationstempo der Mikroelektronik beizubehalten, auch wenn mit einem Generationswechsel der Basistechnologien alle zwei bis drei Jahre und einer damit einhergehenden Aufwandssteigerung um den Faktor 2 bis 2,5 zu rechnen sei.

Währenddessen war der SED-Bezirksleitung in Dresden schon längst klar geworden, daß der Produktionsplan für die 256-kB-Chips nicht mehr eingehalten werden konnte. Statt
50 000 schien eine Stückzahl von etwa 2000 bis 3000 1988 erreichbar zu sein. Wieder einmal standen wichtige sowjetische Ausrüstungen nicht zur Verfügung. "Damit wird der Gesamtprozeß der Entwicklung und Produktion der Bauelemente der verschiedenen Technologieniveaus wesentlich von der Verfügbarkeit von Unikaten bestimmter Ausrüstungskomplexe gesteuert. So hat z.B. ein kurzzeitiger Stromausfall von wenigen Sekunden dazu geführt, daß der einzige Ätzer für das Alu-Ätzen über 14 Tage ausfiel und damit die Losbearbeitung insgesamt in diesem Abschnitt stagnierte. Der Aufbau des 2. Ätzers in der ZVE 2 wurde nach einem Jahr durch die westliche Firma noch nicht erfolgreich beendet", berichtete die zuständige Sekretariatsabteilung an Modrow. Um zu retten, was zu retten war, schickte die Betriebsleitung sogar ihre Entwickler und Forscher in die Produktion.

Nachdem Nendel in Moskau interveniert hatte, entschuldigte sich die SU, die anscheinend sogar Schwierigkeiten hatte, den eigenen Bedarf zu decken, für die verspäteten TSAen und Schaltkreise und lieferte die Elektronikausrüstungen nach. In Dresden angekommen, stellten sich die Anlagen jedoch als unbrauchbar für die Massenproduktion heraus. Minister Meier hielt mit seinem Unmut über die sowjetischen Partner nicht mehr zurück. In einem Schreiben an Mittag monierte er: Eine "Verpflichtung für die Lieferung von Elektronikmaschinen besteht für die Betriebe in der UdSSR nicht. Offensichtlich existiert kein Exportplan." Die Russen würden die DDR-Forderungen nur als "zusätzliche Belastung" empfinden. Zudem sei die ostdeutsche Delegation nicht über die Ausrüstungspolitik der SU informiert worden, dies sei "keine Basis für eine effektive Zusammenarbeit."

Verärgert über die sowjetischen Partner und im Vertrauen auf die offiziellen Erfolgsmeldungen aus dem Hause Zeiss legte sich die SED-Spitze auf eine von der Sowjetunion unabhängige Entwicklung der Mikroelektronik fest. Dies geschah mit großem propagandistischen Aufwand. In TV-Serien wie "Wettlauf mit der Zeit" wurden unter Anleitung Mittags die Schlüsseltechnologien zur Schicksalsfrage der DDR hochstilisiert. Die im Fernsehen vorgestellten HiTec-Objekte, wie die Megabitchip-Entwicklung, die Anwendung von Industrierobotern oder die vollautomatisierten Fabriken, zeigten jedoch nur die halbe Wahrheit. Zur Sprache kamen weder die geringe Ausbeute der Schaltkreisproduktion, noch der Einsatz westlicher Technik. In der Praxis arbeiteten die vorgeführten Automatisierungsabschnitte nicht selten instabil, die Industrieroboter wurden wieder stillgelegt, nachdem die Kameras abgezogen waren, da ihr Einsatz ineffektiv war.

Besonders jedoch den Megabitspeicher machte die Wirtschaftsführung zum Prestigeprojekt Nummer eins. Erste Muster überreichte CZJ-Chef Biermann im Oktober 1988, zum
39. Jahrestag der DDR-Gründung, Erich Honecker im Fernsehen. Der Chip wurde auch in Moskau ausgestellt, wie um den Russen zu zeigen: Wir können das auch ohne Euch! Anfang 1989 präsentierte das Kombinat Mikroelektronik Erfurt dann auch den
32-Bit-Mikroprozessor, verbunden mit ähnlichen propagandistischen Ausführungen zur Leistungsfähigkeit der DDR-Wirtschaft.

Statt sich auf einige Schaltkreis-Entwicklungslinien zu konzentrieren, die mit den Ressourcen der DDR vereinbar und in internationaler Kooperation zur Weltmarktfähigkeit hätten ausgebaut werden können, verrannten sich die Wirtschaftsfunktionäre in die Idee, den Chipbedarf der ostdeutschen Volkswirtschaft nahezu allein decken zu können. 1988 schrieb MM-Abteilungsleiter Blessing in einer Ausarbeitung für eine Mittag-Rede, die DDR decke mittlerweile 50% ihres Bedarfes an mikroelektronischen Bauelementen selbst. Dies sei eine "internationale Spitzenstellung". Kaufmännische Überlegungen spielten bei diesem Ziel offensichtlich eine untergeordnete Rolle. Die Verringerung des Innovationstempos durch die Zersplitterung von Kapital und F/E-Kapazitäten wurde in Kauf genommen, um sich von den unzuverlässigen RGW-Partnern unabhängig zu machen, die Eigenversorgung der DDR-Industrie zu sichern und Gewinne aus den überhöhten Preisen im SW für Mikroelektronikapplikationen einzustreichen.

Auf sowjetische Unterstützung glaubten Honecker, Mittag und Meier nicht mehr angewiesen zu sein. Als die SU im Januar 1989 der DDR den Aufbau eines gemeinsamen Werkes für die Herstellung des 4-MB-Speichers vorschlug, lehnte dies der Elektronikminister ab, obwohl der Generaldirektor des Kombinats ME Erfurt, Wendler, das Angebot gern angenommen hätte. Die DDR habe weder das Kapital noch Valutareserven, um einen Reinraumkomplex in der UdSSR zu errichten, begründete Meier seine Meinung. Auch könne die SU, "entgegen anderen Behauptungen", nicht den DDR-Bedarf am Mikroelektronik-Grundstoff Reinstsilizium decken, so daß man bereits begonnen habe, für diesen Zweck ein Werk in Dresden-Gittersee zu errichten.

Der ökonomische Erfolg der Mikroelektronikanstrengungen blieb bis zum Untergang der DDR freilich weitgehend aus. Zu nennen sind nicht nur die Störungen des volkswirtschaftlichen Zuliefergeflechts, die durch die bevorzugte Versorgung der Schlüsseltechnologie-Industrien mit finanziellen Mitteln, Material, Personal und Investitionsgütern hervorgerufen wurden. Auch konnten die teuer entwickelten Chips und Mikroelektronikausrüstungen kaum und die mit DDR-Elektronik versehenen Investitionsgüter nur schwer im NSW verkauft werden. Laut dem Entwicklungsdirektor des ZMD, Landgraf-Dietz, konnten von etwa
20 Elektronenstrahlmaschinen, die CZJ im Jahr herstellte, "eine mal an Brasilien verkauft werden, eine mal an ein Institut im Westen". Von der Schaltkreisproduktion ging weniger als
10 % in den Westen. Im Gespräch war 1988 außerdem einmal der Aufbau einer
64-kB-Schaltkreis-Fabrik in China.

Hohe Erlöse erbrachte die DDR-Mikroelektronik und die darauf aufbauende Rechentechnik eigentlich nur beim Export in den RGW, wobei es auch dort immer schwieriger wurde, die ostdeutschen Preisvorstellungen durchzusetzen. Während sich CZJ in steigendem Maße auf die Produktion von Mikroelektronik konzentrierte und die Forschung in traditionellen Erzeugnislinien vernachlässigte, wuchsen die Exportplanrückstände des Kombinates im Westhandel. Der Devisenerlöskoeffizient langjähriger Exportschlager sank, so lag z.B. der Erlös der Kleinbildspiegelreflexkamera (eine klassische Domäne der DDR) 1989 deutlich unter dem volkswirtschaftlichen Durchschnitt. bei 0,14 bis 0,16 Valutaverrechnungseinheiten je aufgewandter DDR-Mark. Die Japaner hatten durch den Einsatz von Mikroelektronik in ihre Geräte die Bildqualität der Spiegelreflexkameras erreicht, dabei aber ein höheres Anwendungstempo als CZJ an den Tag gelegt. Was für den Mikroelektronikhersteller CZJ galt, wirkte sich in den anderen Industriezweigen um so stärker aus. Zwar hatte sich die DDR in einem bemerkenswerten Kraftakt durch die Entwicklung des 1-MB-Schaltkreises und des
32-Bit-Mikroprozessors dem Weltstand beträchtlich angenähert, aber die vorgelegten Muster waren noch weit von wirklicher Massenwirksamkeit entfernt. Bis Ende 1989 verließen etwa
100 000 Megabitchips die Fließbänder. Im Vergleich zu den Millionenstückzahlen, die im Westen produziert wurden, war dies viel zu wenig. Die niedrigen Losgrößen, der hohe Entwicklungsaufwand und die verzögerte Überführung der Forschungsergebnisse in die Großfertigung verhinderten die schnelle Anwendung der Mikroelektronik in der Industrie und trieben die Chipkosten weit über das internationale Preisniveau. Der Staatshaushalt mußte die Anwendung der Mikroelektronik in der Volkswirtschaft und im Export mit jährlich über drei Mrd. Mark subventionieren. Die ostdeutsche Industrie stellte bsw. 1989 den 256-kB-Speicher für 536 Mark je Stück her. Der gestützte Verkaufspreis lag bei 16 Mark. Das waren zehn Mark mehr, als international üblich.

In einem wahrscheinlich nach der Wende verfaßten Grundsatzpapier resümierten die Leiter der 1-MB- und 4-MB-Entwicklungsprojekte die wesentlichen Schwächen des Mikroelektronikpolitik der SED aus Sicht der Forscher. Sie beklagten die übergroße Breite der Bauelemente-Entwicklung ("Warenhaussortiment"), die geringen Produktionskapazitäten, die niedrige Erneuerungsrate und die ungenügende ökonomische Verwertung der Resultate. Insbesondere kritisierten sie die große zeitliche Lücke zwischen technischer Entwicklung und praktischer Anwendung: "Ca. 80-90% der Ende der achtziger Jahre von den DDR-Mikroelektronikanwendern geforderten Bauelemente haben ein technologisches Niveau, das wir bereits in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre entwickelt haben."

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