Chronik Stoyke - (1900-1945) Chronik Stoyke - (1949-1960)

Familie Stoyke, Groß Plowenz (3)

Flucht aus Plowenz (1945-1949)

"Am 1. September 1939 brach der 2. unglückliche Weltkrieg aus. Groß Plowenz wurde schnellstens in Freywald umgetauft. Es heißt heute wieder Gr. Plowenz (poln. "Plowez").

Im tiefsten Winter am 17.01.1945 bei 20 Grad Kälte, Glatteis und Schneetreiben verließen die Plowenzer Bewohner ihre Heimat. Die nahende Front drängte zur Flucht." [E. Sommerfeld] Die umliegenden Höfe bildeten einen Treck. Dabei waren auch polnische Bedienstete, die mit ihren Bauern gingen.

Stoykes folgten dem Treck über Konitz nur bis zur Oder. Hier blieben sie zurück, denn Kurt entschied, nach dem vermeintlich bevorstehenden Sieg der Wehrmacht wieder auf den Hof Mnich zurückkehren zu können. Diesen folgenschweren Entschluß habe seine Frau Käthe ihm nie ganz verzeihen können. Bald schon wurde die Oder von der zurückweichenden deutschen Front passiert. Es folgten die Russen.

Stoykes kamen in Gefangenschaft. Von russischen Soldaten begleitet und ihrer Willkür ausgesetzt wurden sie mit vielen anderen Deutschen in ihre Heimat zurückgeführt. Auf dem Weg, so berichtet Erika Schmidt (geb. Stoyke), damals vier Jahre alt, bangten sie nicht selten um ihr Leben.

Übernachtet wurde in Scheunen im Stroh. An beiden Seiten des Stallmittelganges lagerten die Flüchtlinge. Russische Soldaten patrouillierten in der Nacht. Mit der Taschenlampe suchten sie arbeitsfähige Männer heraus und erschossen sie auf der Stelle. Neben dem Lager der Stoykes wurde ein Arzt im Kreise seiner Familie hingerichtet. Kurt Stoyke verbargen die Frauen so gut sie vermochten. Doch auch sie fürchteten um ihr Heil. Viele deutsche Frauen wurden mißbraucht oder sogar verschleppt.

Hof Stoyke in Mnich am See, Gr. Plowenz

Foto: 1940 - Mnich am See, Gr. Plowenz, Kreis Strasburg
Panorama vom südwestlich vom ehemaligen Gehöft ansteigenden Gelände: über den Stoyke´schen Hof zum Plowenzer See. Das hinter dem Buschwerk hervorschauende weiße Gebäude am rechten Bildrand war das Wohnhaus.

Während die meisten Flüchtlinge in ehemalige Konzentrations- oder Gefangenenlager des zusammengebrochenen NS-Regimes eingewiesen wurden, kehrten Stoykes zunächst auf ihren Hof zurück. Der untere Teil des Wohnhauses war inzwischen unbewohnbar, denn die zurückgebliebenen Polen hatten nicht mit einer Rückkehr der ehemaligen Bewohner gerechnet und begonnen, Holztüren und Fußbodendielen herauszureißen, um diese als Brennmaterial zu verwenden. Im allgemeinen war zu diesem Zeitpunkt der Haß auf die Deutschen als Verursacher der Leiden des Krieges sehr verbreitet, auch wenn es dem Wesen Kurt Stoykes entsprach, sich keine Feinde zu machen. Er war vor dem Krieg langjähriger Amts- und Gemeindevorsteher von Gr. Plowenz und Kl. Plowenz.

Befreundete Polen versorgten die Familie mit Lebensmitteln. Der Knecht Jacho war zurückgekehrt. Er schlief an der Eingangstür, um eventuelle Eindringlinge in polnischer Sprache zu empfangen.

Im Sommer 1947 aber wurde die allgemeine Wut gegen Deutsche so groß, daß man alle Familien dieser Volkszugehörigkeit festnahm. So gerieten auch Stoykes in Gefangenschaft. Zunächst sammelte man die deutschen Familien in einer Baracke in Gr. Plowenz, später wurden Stoykes in einem ehemaligen Konzentrationslager der Deutschen Wehrmacht in Potulitz (Pottlitz/Potulice, Woj. pilskie, ca. 40 km nnö. Pilà, deu.: Lebrechtsdorf) interniert. Frauen und Männer wurden getrennt. Nur Erika durfte, damals sechsjährig, bei ihrer Mutter bleiben. Groß war das Entsetzen, als sie diese mit geschorenen Haaren erblickte. Zur Vorbeugung gegen Läuse wurden allen Neuankömmlingen im Lager die Haare zur Glatze geschoren. Sie mußten sich vollständig entkleiden, denn auch die Wäsche wurde einer Entlausung unterzogen. Persönliche Dokumente sowie die Familienphotographien wurden enteignet und auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt.

Während Joachim und sein Vater Kurt Stoyke auf verschiedenen Gütern zur Arbeit herangezogen wurden, arbeiteten Käthe und Erika zunächst auf einem Bauernhof und wurden später nacheinander drei Gütern als Arbeitskraft zugewiesen.

Erika hatte beim Landwirt die Gänse und Kühe zu hüten, während ihre Mutter auf den Gütern als Köchin für die deutschen Gefangenen eingesetzt wurde. Fleisch war eine Besonderheit. Daher wurden auch verendete Tiere abgekocht und verspeist.

Auf diese Weise handelte sich Käthe einen Bandwurm ein, an dem sie noch lange litt.

Auf den Gutshöfen gab es kaum Aufgaben für die kleine Erika. Daher blieb ihr viel Zeit zum Erkunden der Örtlichkeiten. Sie erinnert sich an eines der Güter, auf das sie keines der Kinder aus der Nachbarschaft mitbringen durfte.

Die Räume waren schloßähnlich mit alten Gemälden und Spiegeln ausgestattet. Ein Klavier lockte zum heimlichen Spiel. Der menschenleere große Park mit altem Baumbestand und einem Eishaus war unheimlich und faszinierend zugleich. Das war ein großes Abenteuer für das Kind.

Nach vier Jahren wurden alle Stoykes wieder in Potulitz zusammengezogen. Horst war bereits 1949 mit einem anderen Treck nach Wildberg gelangt und Hans schuftete noch bis November 1949 in einem russischen Arbeitslager in einer Kohlengrube. Wer in Potulitz eine Adresse in einer der vier Alliiertenzonen vorweisen konnte, wurde dorthin geschickt. Familienoberhaupt Kurt Stoyke wälte zwischen jener einer Tochter der Familie Klein in Lübeck und jener von Horst in Mecklenburg die seines Sohnes aus. 1949 trafen Stoykes in Wildberg ein.


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Copyright © 1999 ff. Olaf Schmidt

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