Chronik Schmidt 1919-1945 Chronik Schmidt (nach 1945)

Familie Schmidt, Drückenhof (3)

Flucht von Drückenhof (1945)

Januar 1945. Erst Stunden vor dem Aufbruch zur Flucht war es den verbliebenen Frauen und Kindern in Drückenhof erlaubt worden, Vorbereitungen zu treffen. Das Zeichen dazu gab der Oberbauernführer. Vorher wäre jeder, dessen Fluchtvorbereitungen bekannt geworden wären, standrechtlich erschossen worden. Wie Ulrich Schmidt berichtete, rüstete seine Mutter Berta mit den Kindern Alice (Kniffka), Rudy und Ulrich selbst dennoch unter dem Heu in der Scheune versteckt einen Wagen für den plötzlichen Aufbruch.

Ansicht des Hofes der Familie Schmidt in Drückenhof

Foto: ca. 1942 - Drückenhof, Kreis Briesen
Hof der Familie Julius Schmidt. Im Vordergrund Berta Schmidt (geb. Schiemann) im Gemüsegarten.

Am Nachmittag des 19. Januar kam schließlich der Befehl zum Aufbruch am darauffolgenden Morgen. Den Abend dieses Tages beherrschte eine bedrückte Stimmung im Hause. Ulrich war damals 9 Jahre alt. Zum letzten abendlichen Mahl auf dem eigenen Hof gab es nur das Beste, z.B. warme geräucherte Wurst, eine Besonderheit, denn Fleisch gab es nicht alle Tage. Außer der Magd und Ulrich konnte jedoch kaum einer der Anwesenden etwas zu sich nehmen.

Gegen 4 Uhr morgens versammelten sich die Dorfeinwohner mit ihrem transportablen Hab und Gut. Ein Treckführer namens Strohschein führte die gut 72 Wagen an. Neben einem Schwerstbehinderten, der nicht einmal vom Wagen zu steigen in der Lage war, war Rudy mit seinen 17 Jahren der älteste männliche Begleiter des Zugs.

Eine Auflistung über den in Drückenhof zurückgelassenen Besitz hat meine Großmutter später in Vollersode niedergeschrieben.

Demnach betrug der geschätzte Gesamtwert der verlorenen Habe 68.320 RM:

Die Lebensmittel für den langen Weg, z.B. gebratene Hähnchen, hatte man in Milchkannen untergebracht. Der Treck zog von einem Gut zum nächsten. Im Schutz dieser Höfe erwartete man den nächsten Tag.

Einige junge Leute, die man wenige Stunden nach dem Aufbruch nochmals zum Dorf zurückgeschickt hatte, damit sie das Vieh versorgten, kehrten unverrichteter Dinge wieder zurück. Russische Soldaten hatten Drückenhof bereits eingenommen.

Ulrich Schmidt erinnerte sich, wie er einmal abseits vom Treck aus dem Gebüsch zurückkehrte und dabei zwei russische Tiefflieger auf die Wagenkolonne zukommen sah. Die Piloten eröffneten das Maschinengewehrfeuer, zwei Wagen stürzten den Abhang herunter. Die Fliehenden sahen sich Auge in Auge den Angreifern gegenüber.

Eines Tages hieß es, feindliche Soldaten hätten in der Tucheler Heide einen Ring um den Treck gezogen, was ein Weiterkommen unmöglich machte. Die Wehrmacht bereitete daraufhin einen Durchbruch vor. Für einen Augenblick, so kündigte man an, würden die Soldaten eine Schneise in die gegnerische Linie schlagen. Diese Zeit müßte genügen, um dem Zugriff der russischen Verbände zu entgehen. Als es soweit war, verließen alle die Straße. Im Galopp wurden die Wagen quer über den Acker getrieben. Wer liegen blieb, war verloren. Er konnte nur noch zu Fuß und ohne Gepäck weiter marschieren, wenn er nicht den Anschluß verlieren wollte. Nicht allen gelang der Ausbruch -

Als der Treck die deutsche Frontlinie wieder eingeholt hatte, waren es lettische Soldaten, welche übrigens für das Deutsche Reich kämpften, die sich mit Waffengewalt der Zugpferde der Fluchtwagen bemächtigen wollten. Die einzige Feuerwaffe im Treck besaß der Anführer der Flüchtenden. Er hielt sie dem befehlenden Letten an die Schläfe und erzwang so das Verbleiben der Tiere.

Später wurde der Zug der Flüchtlinge aufgeteilt. Dabei zersplittete man rücksichtslos die Familien. In einem anderen Treck wurde beispielsweise Frieda Rösler, geb. Schmidt von ihren Kindern getrennt, die bei Onkel und Tante auf dem Wagen saßen. Erwin Krieg wurde ebenfalls von seiner Mutter getrennt und lebte anschließend zwei Jahre lang in der Obhut seiner Tante Emilie Krieg.

Neun Wochen nach ihrem Aufbruch kam meine Großmutter mit ihren Kindern und sieben anderen Wagen zusammen in Vollersode bei Bremen an, wo sie ein Quartier bei Bauer Heinrich Tietjen zugewiesen bekam. Währenddessen befanden sich die ältesten Söhne, Erich und Heinz, noch im Krieg bzw. in der Gefangenschaft.


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Copyright © 1999 ff. Olaf Schmidt

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