Chronik Schmidt (vor 1919) Chronik Schmidt - Flucht 1945

Familie Schmidt, Drückenhof (2)

Leben in Drückenhof (1919 bis 1945)

Käthe, verh. Krieg, war das erste Schmidt´sche Kind, das in Drückenhof geboren wurde (*1919). Es folgten Alice (*1921), verh. Kniffka, Heinz (*1922), Rudy (*1928) und Ulrich (*1935).

Hinter dem großen Kachelofen in der Küche trockneten die Kinder nach wilder Schlittenfahrt am Schloßberghang heimlich ihre selbstgestrickten Socken.

Das ehemals zu einem Gutshaus gehörige Gebäude der Familie Schmidt, aus rotem Ziegelwerk mit einem Fundament aus Felssteinen bot eine geräumige Küche, ein großes Wohnzimmer, die "Schreibstube", das "gute Zimmer", beide wohl an die 46m2 groß.

Gruppenfoto Julius Schmidt und FamilieFoto: 1915 - Kreis Graudenz
von links: Berta Schmidt (geb. Schiemann), Frieda Rösler (geb. Schmidt), Julius Schmidt

In der Küche aßen alle an einem großen Tisch, die Kleinen an einem beigestellten. Es gab zwei lange Bänke und für die Stirnseiten zwei Stühle.

Während des Essens sprachen die Erwachsenen über die Arbeit, wieviel und was noch zu tun wäre und was schon geschafft worden war. Zur Beleuchtung der Räume diente Petroleum. Die transportablen Lampen wurden an speziellen Haken an den Wänden befestigt, so auch in der Schreibstube. Hier stand sogar ein Sofa, ein Kanapee. Ein deckenhoher Spiegel, in schwerem Holzrahmen gefaßt, zierte den Raum. An den Wänden hingen "Waldesruh-Bilder": "Hänsel und Gretel auf einer Brücke und der röhrende Hirsch im Wald". Dominierend das übergroße Porträt der Büste des deutschen Kaisers, Wilhelms I, mit gezwirbeltem Schnauzer und in Uniform. Geheizt wurde in den anderen Räumen nicht. Es gab noch ein Gästezimmer mit zwei Betten, in dem später auch Frieda Rösler, geb. Schmidt schlief.

Die anderen Kinder waren in einem Raum untergebracht und wärmten sich im Winter gegenseitig.

Die Arbeit war hart und auch die Kleinsten wurden schon eingespannt.

Die beiden ältesten Söhne, Erich und Heinz, waren im Krieg. Erich war zunächst auf polnischer Seite einberufen worden. Heinz begab sich 1941 mit Eifer zum Reichsarbeitsdienst. Die schwere körperliche Arbeit in dieser Organisation ließ aber bald schon die Euphorie schwinden. Später kam er an die Ostfront nach Ilmensee, nö. von Leningrad. Mit Verwundungen an beiden Armen und einem Steckschuß nahe der Halsschlagader kam er mit dem Leben davon. An der Westfront geriet er schließlich in amerikanische Gefangenschaft.

Polen und auch deutsche Soldaten halfen auf dem Schmidt´schen Hof aus, während Julius Schmidt zum "Volkssturm" beordert worden ist. Es wird berichtet, daß die zugewiesenen polnischen Aushilfskräfte nicht besonders arbeitswillig gewesen seien und daher auch keine rechte Hilfe auf dem Hof darstellten.

Während dieser Zeit lernte meine Alice einen sympathischen Erntehelfer, einen Soldaten, näher kennen, aber auch er wurde ein Opfer des Krieges. 1935 fiel die große Scheune auf dem Hof einem Brand zum Opfer. Eine Brandstiftung wurde nicht ausgeschlossen. War es der Sohn einer benachbarten Familie, der abgewiesene Verehrer meiner Tante Frieda verh. Rösler, der die Flammen schürte oder waren es feindlich gesonnene Polen? Die Ursache des Feuers konnte nicht abschließend geklärt werden. Die Scheune wurde aber alsbald neu errichtet.

Kurz vor Weihnachten 1942 starb Julius infolge der Überanstrengung an Lungen- und Rippenfellentzündung. Für die Familie war es der schwerste Verlust. Inwieweit die Drückenhofer Schmidts mit den Familien der Geschwister von Julius in Verbindung standen, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich ist der Kontakt zu den jüngeren, etwa gleichaltrigen Geschwistern intensiver gewesen, als zu den älteren, die ja z.T. die Heimat verließen. Ein besonders inniges Verhältnis bestand aber zweifellos zu Wilhelm und Sigmund. Aus den Kriegstagen 1942 sind uns glücklicherweise zwei Briefe erhalten geblieben, in denen sich die Frau von Wilhelm, Elisabeth geb. Stoll, an meine Großeltern wendet. Der erschütternde Inhalt führt uns das Leid jener Tage lebensnah vor Augen:

Kartenausschnitt TK 25 Briesen: Drückenhof

Abb.: 1929 - Drückenhof, Kreis Briesen
[Kartengrundlage: TK25 Bl. 2679, Rehden, 1904/1929 und
Bl. 2779, Briesen, 1909/1929/1930,
© Bundesamt für Kartographie und Geodäsie 2004]

"Liebe Nichte!

Schicke Dir die arische Abstammung von den Eltern und Großeltern. Hilde und Helmut sollten Dir schreiben, aber die haben wenig Zeit, denn wir sind alleine, haben keinen Fremden und es ist ja dieses Jahr so ein schrecklich kalter Winter. Alles friert ein. Wir sind bei der Oma alle Tage. Kochen auch da, denn bei der Oma ist schön warm.

Du schreibst, Euer Erich ist noch nicht zurück. Dein Papa wird wohl selbst müssen ins Lager fahren und ihn holen. Denn von uns ist auch ein Mann hingefahren und hat seinen Sohn geholt. Denn wenn es ihm so geht, wie dem August, wenn seine Mutter nicht wäre gestorben, wär er auch nicht gekommen. Als er ankam, da waren wir auf der Beerdigung beim Abendessen. Als er reinkam, haben wir alle weinen müssen: wie ein Toter, der aus dem Grabe aufstand. Es ist ja sehr verschieden: mein Neffe Willy Reisdorf kam, der sah sehr wohl aus.

Ihr schreibt uns, ob wir noch keine Wirtschaft. So wie Ihr uns geschrieben habt, ist es wohl das richtige. Wir haben es nun auch erfahren. Die Menschen waren ganz wild hinter dem Land. Es war hier in unserer Nähe eine schöne Wirtschaft, die wollten sie uns von Anfang nicht lassen und nun haben sie uns angeboten. Nun wollen wir sie nicht. Das ganze Vieh wurde rausgeschlegt.

Waren 15 Stück, nun ja noch 7 Stück. Pferde sind nur 3. Werden warten, bis der Krieg zu Ende ist.

Unser Herbert ist am 8.2. auch nach dem Westen abgereist. Wer weiß, ob er wiederkommt.

Für wen brauchen wir denn so viel Land. Für die beiden Kinder wird unsere Wirtschaft schon reichen. Haben noch 18 Morgen Pachtland zugenommen, haben wir auf 90 M. Da hat man auch schon zu tun.

Sonst ist alles beim Alten. Habt Ihr dem Sigmund (ab-) geschrieben, wie es ist mit den Wirtschaften auf Treuhandelsschaft, denn er wär doch so gerne Land. Vielleicht kann er da in Eurer Nähe einheiraten.

Viele herzliche Grüße von uns allen. Auch Oma läßt schön grüßen.

Wenn es wärmer wird, kommt uns besuchen.

Familie Schmidt

Gruß an Frieda und ihr Mann und Kinder. Bitte Antwort.


Partenschin den 14.05.1942

Lieber Schwager, liebe Schwägerin und Kinder!

Es ist mir so schwer, auch Euch das Leid mitzuteilen, was uns betroffen hat. Vor paar Tagen schickten wir Euch eine Verlobungsanzeige und heute schicken wir Euch eine Todesanzeige.

Unser lieber guter Junge Herbert ist am 10.4. gefallen. Am 11.5. haben wir Nachricht davon erhalten. Wir brechen bald vor Schmerz zusammen. Und unsere Oma ist nicht hier. Die konnte immer auch so schön trösten, weil sie auch schon schweres Leid vertragen müssen. Ich gehe paar Mal am Tage die halbe Treppe hoch und dann kommt mir oft ein, unsere liebe Oma ist nicht da.

Die Ottilie schrieb immer, ihr ist so bange: hat Vater, Mutter und nun auch Bruder Reinhold verloren. Sie kann es fast all den Schmerz ertragen. So wollte die Oma hin und mir war es auch so ängstlich. Es lag so was Schweres auf meinem Herzen und die schlechten Träume. Ich ahne, daß was mit meinem Jungen passiert. Aber daß er für immer die lieben Augen geschlossen hat, daß wollte ich doch nicht glauben.

Ich fuhr mit Oma am 16. April los nach Königsberg. Haben die Mathilde Kuck besucht. Die ist bei der Marta. Ihr geht es gut. Bekommt 80 RM den Monat Unterstützung. Da waren wir 2 Tage.

Dann fuhren wir zu Köhlert. Da waren wir 1 Tag.

Von da fuhren wir zum Friedrich. Von da sollte Ottilie kommen und Oma abholen. Ich konnte aber nicht so lange warten, bis Ottilie kam, denn ich fuhr in Unruhe los und da fand ich auch keine Ruhe, nur nach Haus, ob mein Kind geschrieben hat. Es war vergebens.

Die Briefe fingen an zurückzukommen. Unzustellbar, da haben wir schon nichts Gutes gehofft. Aber daß er für immer tot soll sein, konnten wir nicht glauben.

Lieber Schwager, liebe Schwägerin, ihr wird uns verstehen, denn ihr habt Euren lieben Heinz auch von Euch geben müssen. Er schreibt so fleißig an unsere Hilde.

Der liebe Gott möge Euch erhalten, denn nichts ist so schwer als ein Kind verlieren und nicht sterben sehen.


Werde Euch noch den Brief vom Kompanieführer mitteilen:

"Sehr geehrter Herr Schmidt,

zum Heldentode Ihres Sohnes Herbert teile ich Ihnen folgendes mit:

Der Russe griff in den Spätnachmittagsstunden des 10.4.1942 die Feldstellung bei Dubrovnik, Nordteil der Ostfront an.|die angreifende Infan|

Ihr Sohn stand als Sicherungsposten und gewahrte plötzlich, daß sich mehrere Russen im Schutze einer Mulde an den Bunker heranarbeiteten. Er alarmierte sofort seine Kameraden und eröffnete als erster auf die Sowjets mit gutem Erfolg das Feuer. Ihr Sohn wurde durch mehrere Splitter einer in seiner unmittelbaren Nähe einschlagenden Granate getroffen. Er war sofort tot und hat von seiner Verwundung nichts empfunden.

Seine Kameraden verdanken seiner Aufmerksamkeit und seinem unerschrockenen und tapferen Einsatz ihre Gesundheit, mancher vielleicht sein Leben. Sie dürfen gewiß sein, lieber Herr Schmidt, Ihr Sohn starb als mutiger, vorbildlicher Frontsoldat.

Seine Kameraden werden ihm ein würdiges Heldengrab bereiten und dieses mit einem schlichten Birkenkranz und Tannengrün schmücken. Den Ort der Beisetzung teilt Ihnen die Kompanie später mit.

Ihr Oberleutnant"


Lieber Schwager, der Erich schrieb nach den Papieren von den Großeltern. Ich habe die Abschrift machen lassen von dem, was ich hier hab´. Wollte es ihm gleich schicken, habe leider seine Adresse verloren. Bitte gebe ihm das ab, wenn er zum Besuch kommt oder schicke ihm das. Will schließen, denn die Augen sind mir schon ganz dunkel vom vielen Weinen.


Es grüßt Bruder, Schwägerin und Kinder.

Bitte kommt doch jemand zum Besuch. Es ist doch nicht so weit. Das man sich das Herz könnte ausschütten, wäre es ein bißchen leichter.


Dem Alex seine Adresse ist:

Soldat
Alex Schmidt
Feldpost L02167
L.G.K. Posen.

Er hat gestern zum Muttertag der lieben Oma einen schönen Spruch geschickt. Ich konnte ihn nicht zu Ende lesen. Ich habe vor Schmerz laut aufgeschrien, denn mein liebes Kind hat nicht einmal am Muttertag von mir vergessen.

Und nun liegt er tot in kalter russischer Erde. Ich werde Euch den Spruch abschreiben:

"Zum Andenken an den Muttertag 1942:

Meine liebe Mutter!

Heute ! Mutter wollen wir weihen Dir ein seliges Gedenken, und am Muttertag im Maien Dir recht frohe Grüße schenken.
Auf dem ehrenvollen Posten! Wo uns fremde Welt umschließt. Aus dem weiten fernen Osten. Ein Soldatenherz Dich grüßt.
Stark im großen Weltgeschehen, hoffend auf ein Wiedersehen.
In dem großen Weltenbrand bist Du treu und stark geblieben! Treu zu Deinem Vaterlande.
Stark in Deinem ganzen Lieben. Deine Pflicht - die große Schwere tust Du! ohne je zu wanken.
Drum! An Deinem Tag der Ehre will ich Dir besonders danken,
Und der Wunsch soll zu Dir gehen auf ein frohes Wiedersehn,
Am Muttertag, dem Tag der Frauen, die Mutter sind und Mutter werden, wollen froh wir in die Zukunft schauen, daß es bald Friede sei auf Erden.
Ach Mutter Du!, an Deinem Herzen, wie schön ist es doch dort zu ruhn, nach allen Leiden, allen Schmerzen.
Wie wohl mag Deine Liebe tun,
Ach, möge es doch rasch geschehen, daß wir uns einmal wiedersehen.
Nun wünsch ich Dir recht schöne Stunden zum Muttertag aus weiter Ferne,
In dieser Zeit - hab ich so recht empfunden, wie ich Dich sehe doch so gerne,
Indem ich doch Dein Bild im Herzen trage, wird diese Zeit noch rasch vergehen,
bis wir zum nächsten Muttertage uns sicher einmal wiedersehn,
Und unser Inneres verstehen,
versprich ein schönes Wiedersehn

von Deinem Sohn Alexander."


Chronik Schmidt (vor 1919) Chronik Schmidt - Flucht 1945

Copyright © 1999 ff. Olaf Schmidt

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