Groß Plowenz, Kreis Strasburg

Drückenhof, Kreis Briesen und Thorn im Mai 1996

1996-05-25

Auch mein Vater hat seinen Geburtsort 1945 verlassen und seither nicht wieder besucht. Um so mehr wußten wir die Tatsache zu würdigen, daß wir an seinem 61. Geburtstag in Briesen, der Kreisstadt seiner Geburtsstatt übernachtet hatten.

Der Tag begann mit einem deftigen Frühstück in der Vereinsklause. Eine dicke Polin, die auch den Ausschank besorgte, servierte uns Baguettes mit Käse, Kochwurst, Tomaten und Tee. Ob es wohl auf die Unterhaltung mit meinem Onkel Jochen zurückzuführen ist? Jedenfalls bekam jeder von uns zusätzlich eine dampfende Krakauer, mit Gurkenscheibchen gespickt auf den gefüllten Teller. Wir waren vollauf zufrieden, zumal Übernachtung und Frühstück im Ganzen nur 11 DM pro Person ausmachten.

Nur einige Fahrminuten nordwestlich von Briesen liegt der Ort Drückenhof, der heute Uczasz genannt wird. Das eigentliche Dorf besteht nur aus einer Handvoll Gehöften, die vormals einem Gut angehörten. Zum Dorf zählen aber auch andere Gebäude beiderseits der von Süden einfallenden Zufahrtsstraße. Die hiesige Gegend ist weniger einsam, weniger hügelig als Plowenz, dafür von mildem Eindruck, nicht ohne Reiz.

Die örtliche "Bojamenka" (=Boza matka) ist einem Denkmal der "ewigen Flamme" gewichen, aber einige hundert Meter westlich, kurz vor dem Ortseingang, steht noch heute ein kleines Backsteingebäude mit Schornstein an der Straße, die Stellmacherei. Der Vergleich mit einer Fotografie von 1941 erbrachte den Beweis: Sie zeigt meinen Vater als kleinen "Steppke". Sogar zwei Birken vor dem Gebäude gibt es noch. Nur sind sie bedeutend größer geworden.

Ulrich Schmidt um 1941 im Alter von 6 Jahren vor der Stellmacherei in Drückenhof Ulrich Schmidt 1996 im Alter von 61 Jahren vor der ehemaligen Stellmacherei in Drückenhof

Fotos: Drückenhof, Kreis Briesen 1941 und 1996
Ulrich Schmidt im Alter von ca. 6 Jahren auf der von Nordosten in den Ort führenden Straße. Im Hintergrund die (ehemalige) Stellmacherei.

Ein kleiner Junge, etwa im Alter des Vorgenannten auf dem Foto, wurde durch unser Erscheinen angelockt. Als er unsere fremden Gesichter sah, zog er sich sogleich erschreckt zurück, um dann in Begleitung zweier Erwachsener zurückzukehren. Zu diesem Zeitpunkt aber spazierten wir bereits in Richtung Dorfmitte, auf das ehemalige Gutshaus zu. Schon zu Zeiten der Schmidts war darin die Schule untergebracht. Vater drückte hier die Schulbank. Alte Kastanien beschirmen das Grundstück. Eine Rampe führt zum Portal hinauf. Sogar die Plumpsklosetts erkannte mein Vater wieder.

An der Straßenbiegung, wo sich früher ein großer Findling befand, wuchert heute grünes Buschwerk. Vom Hof der Familie Kelbert dahinter besteht noch ein Backsteingebäude, doch scheint es unbewohnt.

Gegenüber liegt der Schmidt´sche Hof. Erhalten sind das Wohngebäude mit dem größten Teil der Stallanbauten und eine große Holzscheune. Zwei Hunde, an eine Leine gekettet, empfingen uns mit lautstarkem Gebell.

Hof der Familie Julius Schmidt in Drückenhof um 1942 Der ehemalige Hof der Familie Julius Schmidt in Drückenhof 1996

Fotos: Drückenhof, Kreis Briesen 1942 und 1996
Blick von Süden über Acker und Graben zum Wohnhaus der Familie Schmidt mit den Wirtschaftsgebäuden.

Wir machten auf dem Grundstück einige Personen aus und Vater beeilte sich, mit einem Schriftstück, das unser Anliegen in polnischer Sprache erklärte, Kontakt aufzunehmen. Schließlich fanden sich drei Generationen der heutigen Bewohner ein. Man schmunzelte und ließ uns gewähren: Während Onkel Jochen und Mutter die Gastgeber unterhielten, erkundeten Vater und ich das Grundstück, das im wesentlichen dem Zustand von 1945 entspricht.

Das Haus, aus rotem Backstein, wird durch einen Vordereingang betreten; leider nicht von uns (vgl. Erzählung Tante Alice). An den Wohntrakt schloß sich eine Art Schleuse, die einerseits in die Küche, andererseits in die Ställe, zuerst mit dem Vieh, dann zu den Schweinen führte. Dieser Eingang, der damals wochentags benutzt wurde, ist heute vermauert. Den Abschluß hinter den Ställen bildet nun eine Voliere für Hühner und Enten. Die Nordseite des Hofes wird von einer großen alten Scheune aus dunklem Holz abgeschlossen. Dort befand sich laut Vater auch der "Doppelsitzer", die Toilette. Heute grenzt eines neueres Gebäude mit Garagen den Hof, in dessen Mitte früher der Misthaufen thronte, zur Straße ab.

Nahe dem "guten Hauseingang" erheben sich eine alte Kastanie, die zur Zeit in voller Blütenpracht steht und ein ebenso mächtiger Ahorn. Ein Zaun trennt den Gemüse- und Obstgarten vom übrigen Hof. Ein Foto von 1944 zeigt Vater sitzend mit einem Hund auf dem Schoß vor eben diesem Zaun; im Hintergrund erkennt man das Scheunendach. Über den Garten verteilen sich immer noch einige alte Obstbäume. Gemüsebeete schließen sich an. Sie grenzen an einen Graben, aus dem der Hund meinen Vater einmal gerettet haben soll, indem er Hilfe herbeibellte.

Durch üppiges Grün von Büschen und einem Fliederstrauch umrundeten wir das Haus. Eine große Freitreppe, die früher in den Garten hinausführte, existiert nicht mehr. Auch große Findlinge, die hinter dem Haus lagen, sind verschwunden. Überhaupt wirkt der ganze Hof recht vernachlässigt. Über einen Zeitraum von 50 Jahren wurden offensichtlich keinerlei Anstrengungen zum Erhalt des Gebäudes getätigt, nichts investiert. Die freie Fläche hinter dem Haus wird durch eine hohe Hecke aus Buschwerk und Bäumen zum benachbarten Acker abgegrenzt.

Ein gemeinsames Foto noch mit den derzeitigen Bewohnern, dann verließen wir das Gehöft. Als wir in einiger Entfernung noch einmal zwecks einer Aufnahme anhielten, kam uns der gerade von der Arbeit heimkehrende Landwirt des Schmidt´schen Hofes hinterher. Er begrüßte meine etwas verdutzte Mutter mit Handkuß. Im Laufe des von Onkel Jochen gedolmetschten Gespräches stellte sich heraus, daß der jetzige Eigentümer den Hof einem anderen Landsmann abgekauft habe. Die ehemaligen Äcker gehörten demnach nicht mehr zum Anwesen. Früher waren dies die südlich direkt an den Grundstücksgraben anschließende Fläche, sowie ein außerhalb des Dorfes gelegener Schlag gewesen.

Wenige hundert Meter südlich erweckte ein aus der Bewirtschaftung ausgespartes Areal mit herrlichstem Fliederbewuchs unsere Neugier. Es ist der aufgegebene evangelische Friedhof, den wir hier wiederentdeckten. Unter Büschen und Blättern fanden wir zahlreiche Trümmer alter Grabsetzungen. Auch mein Großvater Julius ist dort begraben. Er verstarb 1942 in Drückenhof infolge einer verschleppten Lungenentzündung und einer Kriegsverletzung.

Erfüllt von den geschilderten Eindrücken, setzten wir unsere Reise ´gen Thorn/Torun fort. In Orsichau/Orzechowo kamen wir an einem kleinen Häuschen vorbei, in dem Jacob und Käte Krieg lebten. Erwin wurde noch in Orsichau geboren. In Rheinsberg/Rynsk erkannten meine Eltern Wohnhaus, Laden und dahinter die Schlachterei von Gottfried und Frieda Rösler wieder. Die Orte sind alle nicht weit voneinander entfernt, so daß die große Familie der Schmidts stets miteinander den Kontakt pflegte.


Am Vormittag trafen wir in Thorn ein. Da wir persönlich bislang keine negativen Erfahrungen gemacht hatten, gaben wir unseren Wagen vertrauensvoll in die zweifelhafte Obhut eines polnischen Parkhüters.

Im Stadtzentrum waren viele Menschen auf den Beinen. Auffallend, wie viele Leute, auch jüngeren Alters, elegant gekleidet sind. Die breiten Handelsstraßen der ehemaligen Gründung des Deutschritter-Ordens sind heute zu geräumigen Fußgängerzonen umgestaltet. Wir ließen den Trubel und die Atmosphäre des weitgehend mittelalterlichen Stadtbildes auf uns wirken. Neben den Bürgerhäusern haben sich stattliche Kirchenbauten erhalten. Zusammen mit meinem Vater erklomm ich die Stufen des vierzig Meter hohen Rathausturmes. Während des Aufstiegs erschütterten uns die Schläge der Mittagsglocke bis ins Mark. Von oben genossen wir einen einzigartigen Rundblick über die Dächer, die seit dem 13. Jahrhundert entstandenen Befestigungsanlagen und vor allem auf die Weichsel, die an dieser Stelle als breiter Strom von zwei Brücken überquert wird.

Auf dem geräumigen Rathausplatz warteten Mutter und Onkel Jochen am Standbild Kopernikus´ auf uns. Der Mathematiker und Wissenschaftler wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Thorn geboren und verlebte seine Jugend hier. Das an Stelle seines Geburtshauses 1480 errichtete Gebäude birgt heute eine Ausstellung über ihn. Wir besuchten sie nicht. Statt dessen einigten wir uns auf einen Eisbecher auf dem Rathausplatz.

Eine Schulklasse vergnügte sich mit den Wasserspielen des dortigen Frosch-geschmückten Zierbrunnens. Die Sonne wärmte nur dürftig, aber das Eis mit den likörgetränkten Rosinen mundete dennoch.

Ich war doch erleichtert, als wir unser Fahrzeug unbeschadet vorfanden. In mehrstündiger Fahrt kehrten wir anschließend nach Gramzow zurück, wo wir bereits von unserer Gastgeberin erwartet wurden. Natürlich gab es an diesem Abend viel Neues zu berichten. Dennoch vergaßen wir nicht, mit Sekt und einem Gläschen Wodka auf die gelungene Exkursion in die "alte Heimat", und nachträglich auf den gestrigen Geburtstag Vaters´ anzustoßen.


Groß Plowenz, Kreis Strasburg

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