Bericht zum Familientag Stoyke 1983 in Bielefeld Zur Startseite Zur Homepage Olaf Schmidt

Referat zum Familientag Stoyke 1983

von Bernd Stoyke, Detmold

Ein Familientreffen bedeutet für Veranstalter und alle Teilnehmer einigen Aufwand an Zeit und Geld - da mag heutzutage die Frage berechtigt sein, ob sich der Aufwand lohnt. Wir sehen hier Menschen beieinander, die sich bisher wenig kannten. Da liegt die Frage nahe: Was ist es, wodurch wir uns gemeinsam verbunden fühlen?

Ich meine, die Antwort könnte lauten: Verbunden fühlen wir uns durch

1. Die Verwandtschaft

2. den gemeinsamen Namen

3. die gemeinsame Heimat und das gemeinsame Schicksal.

Auf die ersten bei den Punkte Verwandtschaft und den gemeinsamen Namen werde ich näher eingehen. Das gemeinsame Schicksal und die gemeinsame Heimat können wir schon nicht mehr uneingeschränkt nennen, denn bereits seit Ende des 1. Weltkriegs haben äußere Einflüsse der großem Politik dazu geführt, daß Teile der Familie Westpreußen verlassen haben und später vertrieben wurden. Seit 1945 haben wir hier und dort Fuß gefaßt, fühlen uns zur neuen Heimat hingezogen, je jünger, desto mehr. Einige Teilnehmer waren beim ersten Familientreffen noch nicht geboren. Hier und da ist unsere Sprache schon vom Dialekt der neuen Heimat beeinflußt. Den älteren ist die alte Heimat noch lebendig vor Augen, sie haben noch dieses Bewußtsein der gemeinsamen Herkunft, auch im geografischen Sinn. Ob alt oder jung, sollten wir daran denken, daß in der nachweisbaren Familiengeschichte von 350 Jahren wir erst kurze 35 oder 1/10 nicht mehr in der alten Heimat leben, daß unsere eigentliche Heimat Westpreußen ist. Unsere Familie hat ihre Wurzeln und ihren Ursprung in den letzten 350 Jahren also in Westpreußen. Darauf wird unter Punkt 1 und 2 näher einzugehen sein.

 

Der Name Stoyke

1. Die Bedeutung des Namens

Wer sich ganz allgemein mit der Bedeutung und Herkunft von Namen beschäftigt, weiß daß es hier sehr klare Fälle gibt. Wer sich Müller oder Schmidt nennt, gibt der Welt keine Rätsel über die Bedeutung seines Namens auf. Heißt jemand Pagenkopf, wird die Sache schon schwieriger, denn wie mag man zu diesem Namen gekommen sein? Wer weiß, daß mit Page früher ein Pferd benannt wurde, wird bei der Namensdeutung schon in eine zutreffendere Richtung geleitet, als derjenige Zeitgenosse, für den das Wort nur die Bedeutung eines Edelknappen hat. Da ist der Name Stoyke aber noch etwas schwieriger. Auch ernsthafte Namensforscher, das ist wohl nicht zu bestreiten, geraten bei der Deutung mancher Namen in den Bereich des Spekulativen. Wenn wir etwas über die Bedeutung erfassen wollen, so müssen wir zu den Werken greifen, die sich mit der Namenserklärung befassen.

Bisher habe ich den Namen Stoyke in unserer Schreibweise (nicht aber in den anderen bekannten Schreibweisen Stoike, Stoycke) nur im Namensbuch von Rudolf Zoder gefunden, der auf den Namen Stoye als gleichbedeutend verweist und auch die Schreibweise Stoyge kennt. Übereinstimmend mit dem Namensbuch von Bahlow und Bahlows "Pommerschen Familiennamen" wird der Name Stoyke als Personennamen bezeichnet, der von dem slawischen Stammwort stoj = stehen herkommt und den Bahlow als "der Standhafte" deutet. Diese Deutung erscheint mir zutreffend. Innerhalb der Familienüberlieferung ist dies aber nicht unbestritten, wie sich bei der Erörterung der Herkunft der Familie zeigen wird.

 

2 . Herkunft des Namens

Die Frage der Herkunft des Namens wird mit der Frage Herkunft der Familie bei den Diskussionen weitgehend gleichgesetzt. Welche Erklärungen für die Herkunft der Familie gibt es und welche erscheint die wahrscheinlichste Deutung ?

a . Herkunft aus Holland?

Als mein Bruder Eckhart in Stade arbeitete, traf er mit einer geborenen Stoyke, die aber nicht einzuordnende Vorfahren hatte, zusammen, die die Herkunft aus Holland deutete, weil der Namen so holländisch klänge. Vielleicht sei ein Postreiter nach Petersburg aus Holland kommend in Westpreußen hängen geblieben? Was ist an dieser Deutung dran? Die holländische Sprache kennt zwar die Elemente "oy" und "ke", in der Kombination Stoyke ist er m.W. nicht festzustellen. Für diese Vermutung würde sprechen, daß niederländische Kolonisten schon früh nach Westpreußen gekommen sind und natürlich ihre Namen mitbrachten. Die Bedeutung dieser Holländer war so groß, daß sie eine besondere Form der Besiedlung im Osten geschaffen haben, die als "Holländerei" oder im Polnischen als "Olendry" bezeichnet wird. Dabei verstehen die Polen unter einer solchen Siedlung in der Regel eine deutsche Siedlung. Das Fehlen des Namens Stoyke in den Niederlanden spricht vor allem gegen diese These.

b. Herkunft aus Salzburg?

In (Groß?) Leistenau soll sich eine Grabstein befinden, mit der Aufschrift "George Stoyke, gestorben 1732 aus Salzburg". Dies ist mündlich mehrfach überliefert, z.B. von Hertha Stoyke und auch von Helene Stoyke, daher gibt es keinen Grund daran zu zweifeln. Mit Emigrationspatent vom 31.10.1731 verfügte der Salzburger Bischof die Ausweisung der Protestanten aus Salzburg, mit Patent vom 2.2.1732 verfügte der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I die Aufnahme der Salzburger, die sich dann vornehmlich in Ostpreußen ansiedelten, wo sie einen sehr guten Ruf genossen. Viele dieser Auswanderer starben in der neuen Heimat, ein Viertel etwa. Der Tod paßt so gesehen in die Zeit.

Wenn die Familie aus Salzburg gekommen ist, müßte der Name in Salzburg feststellbar sein. Die etwa 20.000 ausgewanderten Personen waren in Listen erfaßt - jedenfalls gab es eine Liste der salzburgischen Protestanten. Man sollte auch annehmen, daß der Name auch heute dort noch vorkommt. Heinz und Bärbel Stoyke hatten 1981 das große Glück, an der großen Protestantenausstellung in Schloß Goldegg / Salzburgerland teilnehmen zu können. Dort gab es eine fachkundige Auskunftsstelle, die eine Herkunft des Namens Stoyke aus Salzburg verneinte. Auch die sonstigen Nachforschungen haben bisher einen Nachweis nicht erbringen können.

Bleibt die Frage, wie die Grabinschrift zu erklären ist. Darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Da es sich bei unserer Heimat um Graudenz um das benachbarte Siedlungsgebiet der Salzburger handelte, hat es fraglos Verbindungen mit diesen gegeben. Es ist gut denkbar, daß die Ehefrau aus Salzburg kam und daß sich die Bezeichnung auf diese bezog. Nach Meinung von Bärbel Stoyke soll z.B. der in der Kaminschen Linie angeheiratete Name Bergau aus Salzburg stammen.

Gegen die "Salzburger Theorie" spricht der Umstand, daß der erste nachweisbare Vorfahr Georg Stoycke, Bauer aus Thiergart bereits 1655 geboren ist, also weit vor der Sa1zburger Austreibung. Nun mag es auch schon vor der großen Austreibung einzelne Umsiedler gegeben haben, dann fragt sich aber wieso ein Grabstein vom 1732 Bezug aus Salzburg nimmt, wenn die Familie mindestens seit 1655 schon in Preußen ansässig ist. Von einer einzigen Inschrift auf die Herkunft zu schließen geht nicht an, wenn kein weiteres Indiz dafür spricht, vielmehr mehrere Punkte dagegen.

c. Herkunft aus Rumänien?

Im letzten Krieg traf jemand aus der Verwandtschaft in Rumänien einen dort ansässigen Namensvetter. Aus den 50er und 60er Jahren ist der Name des rumänischen Außenministers Stoica bekannt geworden. Es wird die Theorie vertreten, daß evtl. ein Vorfahre mit dem Ritterorden aus dem Raum Rumänien in den deutschen Osten gezogen ist. Es wird erwogen, daß der Name vielleicht mit den Stoikern, den griechischen Philosophen, in Verbindung zu bringen ist. Ohne über den Namensvetter aus Rumänien näheres zu wissen, scheint mir aus der Tatsache, daß dort auch der Name auftaucht, der Schluß sehr gewagt, die Familie habe dort ihren Ursprung, wenn zugleich eine Erklärung vorliegt, die viel wahrscheinlicher ist.

Gleichwohl ist die Frage berechtigt, wie der Name zu erklären ist. In Rumänien, einem an sich romanischen Land, gibt es auch slawische Bevölkerungsteile, so daß aus dem Wortstamm "stoj" durchaus auch dort der Name gebildet sein mag. Was spricht dagegen, daß ein Stoyke nach Rumänien / Siebenbürgen ausgewandert ist? Nun, wahrscheinlich scheint es mir nicht.

Woher also stammt der Name? Diese Frage wird wohl am sichersten beantwortet, wenn man versucht, die Herkunft der Familie zu untersuchen. Wo die Familie herkommt, da kommt wahrscheinlich auch der Name her. Woher also stammt die Familie? Mir scheint die sicherste Methode, das Vorkommen der Familie zu untersuchen und zu fragen, wo und wann der Name auftaucht. Solche handfesten Nachweise erscheinen erfolgversprechender als Überlegungen, die auf nur einer Tatsache beruhen.

Wie sich aus den Namensbüchern ergibt, gibt es zahlreiche Familiennamen mit dem Stamm "Stoy", so z.B. Stoye, Stoyan, Stoyen, Stiogen. Dies sind Namen, die in der Zeit von 1200 - 1400 in der Gegend von Halle/Saale und in Sachsen vorkommen, aber auch in Mecklenburg und in Stralsund. (vgl. Rud. Zoder, Familiennamen in Ostfalen, 1968; Hans Bahlow, Dt. Namenlexikon). Diese Beispiele zeigen, daß der Name oder der Wortstamm schon sehr lange im deutschen Sprachraum beheimatet ist. Trotz des slawischen Wortstamms kann man sagen, daß es sich um einen deutschen Namen slawischen Ursprungs handelt, der wahrscheinlich dort entstanden ist, wo sich deutsche und slawische Bevölkerungsteile verschmolzen haben.

So sind die Namen Bülow, Zitzewitz, Zastrow, Dewitz um nur einige berühmte alte adelige Familien zu nennen, unzweifelhaft slawischen Ursprungs. keiner würde aber auf die Idee kommen, es handele sich nicht um eine ganz und gar deutsche Familie. Ich habe immer das Gefühl gehabt, als ob man diesen slawischen Ursprung des Namens lieber durch einen solchen aus Holland, Salzburg oder Rumänien ersetzt hätte. Es muß aber betont werden, daß hier slawisch nicht etwa polnisch bedeutet oder zugehörig zu irgendeinem anderen slawischen existierenden Volk, sondern daß hier aus der Zeit der Kolonisierung des Ostens, der ja zugleich eine Verschmelzung von zwei Völkern bedeutete, der 1. Namensteil sich erhalten hat, vielleicht, weil er sich auch im Deutschen gut anwenden ließ. Ein Mensch namens Meier, Müller oder Schmidt ist also nicht weniger oder mehr deutsch, als ein Bülow, Zastrow oder eben Stoyke. Ich möchte also annehmen, daß die Familie aus dem mittel- oder ostdeutschen Raum stammt. Im übrigen ist der slawische Ursprung nicht ohne weiteres offenkundig, denn das slawische Wort "stoj" hat die gleiche Wortwurzel wie das deutsche "stehen", lateinische "stare", englische "stay".

3. Herkunft der Familie

Die frühesten Nachrichten über den Namen Stoyke haben wir aus Pommern, wo in Stolp ab 1520 Gewandschneider dieses Namens in die Zunft aufgenommen werden. Es handelt sich um folgende Nachrichten, die wir dem Forscherfleiß von Elisabeth Sommerfeld verdanken.

 

Pommersche Geschichtsblätter:

In die Gewandschneiderzunft sind aufgenommen worden:

1. Steyke, Paul im Jahre 1520
2. Stoyke, Joachim im Jahre 1557
3. Stoyke, Paul im Jahre 1561
4. Stoike, Pawel ohne Datum und Jahreszahl
5. Stoike, Joachim als Sohn 1595 – 1596
6. Stoike, Jürgen 1597 – 1598

Außerdem:
Steuke, Johann: Tuchmachermeister in Jastrow, Kreis Deutsch Krone 1756
Stoyke, Joachim: als Ratsherr zu Putzig in Westpreußen genannt 1586

Sedina-Archiv:

Zur Geschichte der neumärkisch-pommerschen Dörfer Doberlage und Rederitz:
"An Vieh wurde genommen dem Bauern Jakob Stoycke im Jahre 1649: 8 Ochsen"

Was bedeuten diese dürren Angaben? Doch zunächst, daß der Name schon vor der Reformation in Hinterpommern heimisch ist, also nicht von weit her nach Westpreußen kommen mußte.

Die nächste Frage wäre wohl, wie kommt der Name, kommt die Familie 1733 nach Kamin? Soviel ich weiß, taucht der Name vorher in dieser Gegend nicht auf.

Wenn also der Name in der Gegend um Kamin nicht heimisch war, wohl aber wenige 100 km weiter westlich, stellt sich die Frage, ob es möglich ist, daß die Familie von Westen her eingewandert ist.

Der uns als erster bekannte Vorfahre Georg Stoycke, ca. 1655 geboren, Bauer in Thiergart, Kreis Rosenberg in Westpreußen wäre hier zu untersuchen. Es ist zu fragen, ob es möglich oder wahrscheinlich ist, daß er eine Beziehung zu dem Namen Stoyke in Pommern hat.

Im Jahre 1560 begann in Pommern zunehmend das "Bauernlegen", das bedeutet, es wurden Bauerngüter eingezogen durch Adel und Städte und die Bauern wurden auf die Stufe von Dienern oder Leibeigenen herabgedrückt, so wie es in Polen üblich war. Dort herrschte der polnische Adel hart über eine verarmte Bauernschaft. Diese Verhältnisse, die sich immer mehr verschlechterten, führten dazu, daß Bauern aus Pommern bei Nacht und Nebel die Heimat verließen, um unter der polnischen Krone zu leben. Die pommersche Führung versuchte dieser Auswanderung durch Verbote und Grenzbewachung gegenzusteuern, die Entwicklung nahm aber ihren Lauf. In Polen siedelten sich die Deutschen auf dem freien Land an, wo die Polen nicht saßen. Es handelte sich also um das weniger gute Land. Die polnischen Grundherren erhofften sich von der Bearbeitung dieser Brachländereien eine Steigerung der Einnahmen, da die Wirtschaftsweise der deutschen Siedler der der Polen überlegen war. Um den deutschen Bauern die Sache schmackhaft zu machen, räumte man ihnen besondere Vorteile ein, die teils steuerlicher Art waren, teils in der Rechtsstellung und die im Erb- und Pachtrecht ihren Ausdruck fanden. So setzte also in dieser Zeit eine starke deutsche Wanderung von West nach Ost ein, lange nach der bekannten mittelalterlichen Ostkolonisation, die besonders auf Westpreußen zielte, aber auch weiter in das Gebiet um Lodz und Innerpolens.

Es war also eine Besiedlung auf friedlicher Grundlage zum gegenseitigen Vorteil. Von großer Bedeutung wird in dieser Zeit die Konfession. Praktisch begann in jener Zeit die Entwicklung, daß die Polen katholisch blieben, während die Deutschen sich dem Luthertum zuwandten. Damit war ein wichtiger Grund des Unfriedens zwischen beiden Völkern gelegt, der bis in die Gegenwart gewirkt hat. Dieser Glaubensunterschied hat die Polen aber nicht davon abgehalten, Deutsche bei sich anzusiedeln.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß aufgrund der Verhältnisse um 1560 - 1630 eine Besiedlungsbewegung von Pommern, wo der Name Stoyke auftaucht, in Richtung Osten nach Westpreußen stattfindet. Dr. Herbert Spruth, Berlin hält in einem Schreiben vom 25.6.1968 die Möglichkeit einer solchen Wanderung "für sehr wohl möglich". Er hebt hervor, daß diese Wanderung bei anderen Familien nachgewiesen ist und gerade auch bei den Tuchmachern; um solche handelte es sich ja bei den Stolper Stoyke aus der Zeit um 1520 - 1600.

Solange nicht noch in Einzelheiten die Wanderung der Familie nachgewiesen ist, sehe ich in dieser Wanderbewegung den wahrscheinlichsten Weg der Familie nach Westpreußen. Diese Bewegung hat auch in folgenden Jahrhunderten angehalten, so daß sie auch später erfolgt sein könnte.

 

4. Entwicklung der Familie in Westpreußen

Die erste Erwähnung des Namens, die in Westpreußen festzustellen ist, ist der Ratsherr Joachim Stoyke, der in Putzig als Ratsherr genannt ist. Es folgen dann schon der bereits benannte Georg Stoycke geb. 1655, verheiratet mit Anna, Bauer in Thiergart/Westpreußen (Auszug aus dem Kirchenbuch Groß Tromnau/Westpreußen).


Dieser Georg Stoyke hat drei Kinder:

In den Aufzeichnungen von Frau Sommerfeld heißt es, daß dieser Georg 1733 als Pächter der Pfarrhufen nach Kamin gezogen sein könnte. Eine Begründung dafür habe ich nicht gefunden. Man wird sich also wieder fragen müssen, was für oder gegen diese Annahme spricht. Dafür sprechen der gleiche Name und der gleiche Beruf, obwohl der Name zu dieser Zeit in der Gegend viel gebraucht wird. Dafür spricht auch, daß der Name nicht zu weit verbreitet ist und schon deshalb die Zahl der Anwärter gering sein dürfte. Daher scheint mir die Identität wahrscheinlich, zumal der Name nicht wieder in anderem Zusammenhang auftaucht.

Auch wenn wir die Verhältnisse in der Gegend betrachten wird die Annahme gestützt. Was sollte einen einzigen Bauernsohn locken, den väterlichen Hof zu verlassen und nach Kamin zugehen?

Durch den 30-jährigen Krieg (1618-1648), den schwedisch-polnischen Krieg (1655-1660) mit allen Schrecken und eine anschließende Pest- und Choleraepidemie war die Gegend stark entvölkert, ganze Landstriche waren wüst geworden. Wo früher einmal Dörfer oder Bauernschaften waren, war nur noch wüstes Land. Adel und Kirche teilten sich dieses Land. Das Graudenzer Jesuitenkolleg erwarb 1641 das Gut Jablonowo und 1644 das Gut Kamin, was auf deutsch "Stein" bedeutet. Diese Wüstungen wurden mit Deutschen besetzt. Bereits im Jahre 1650 wurden in Kamin Deutsche angesiedelt. Es fällt auf, daß Jesuiten - die Vorkämpfer der Gegenreformation - Deutsche und Protestanten als Pächter holten. Dies scheint für das Können der Deutschen zu sprechen. Man muß also feststellen, daß Stoykes nicht zu den ersten gehören, die in Kamin wieder ansässig werden, sondern erst ca. 88 Jahre nach den ersten Nennung der Neubesiedlung. Jedenfalls sehen wir, daß in Kamin um diese Zeit tüchtigen Landwirten eine günstige Möglichkeit geboten wird und daß sie von dem ersten sicher nachweisbaren Georg Stoyke 1733 genutzt wird, indem er die Pacht von Pfarrhufen übernimmt.

Für den Zeitpunkt der Pachtnahme durch Georg Stoyke im Jahre 1733, also den Umstand, daß er nicht gleich zu den ersten Siedlern gehört, gibt es eine mögliche Deutung: In den Jahren 1708 - 1711 wütete eine furchtbare Pest, die in Ost- und Westpreußen 250.000 Menschen das Leben kostete und 10.000 Bauernhöfe wüst werden ließ. Möglicherweise ist dies damals auch in Kamin passiert.

Die weitere Geschichte der Familie Stoyke ist durch Urkunden weitgehend geklärt, so daß man sagen kann, daß ab 1733 der Abstammungsnachweis völlig urkundlich gesichert ist.

5. Anmerkung zu den allgemeinen Verhältnissen

Im Jahre 1733 hatte Kamin bereits eine lange Geschichte hinter sich. Es beginnt mit der Besiedlung in der Steinzeit in jener Gegend, es folgen Völkerwanderung mit dem Abzug der germanischen Völker, der eine Zeit ohne dichte Besiedlung folgt. Die anschließende slawische Besiedlung findet einen ersten Höhepunkt in der Krönung des ersten polnischen Königs Boleslaws I. 1024, des Tapferen. Diese Staatengründung hielt nicht lange an, die Christianisierung begann, von Deutschland aus vorgetragen, mit manchen Rückschlägen.

Ein entscheidender Einschnitt in der Geschichte des Deutschen Ostens ist der Ruf des Herzogs Konrad I. von Masowien an den Deutschen Orden unter Hermann von Salza. Auf dem Gebiet von Goßlershausen gründete der Deutsche Orden 1295 zwei Güter Gabelnaw, nahe der früheren masowischen Burg Jablovo. Es handelte sich dabei um die Ansiedlung freier Bauern aus dem mitteldeutschen Raum, also um eine erste deutsche Besiedlung auf einer Fläche, die wüst lag. Es sind aber auch nichtdeutsche Bauern auf Ordensgründungen angesiedelt worden, ohne daß dies im Einzelnen bekannt ist. Eine feste Ordensburg wurde in der Kreisstadt Strasburg errichtet. 1466 fällt das Land im 2. Thorner Frieden an Polen. Um 1640 - wir machen eine großen Sprung – lesen wir als lokale Machthaber polnische Namen. Das flache Land mit seinen Orten ist aufgeteilt unter Krone, Adel und Kirche, letztere in Gestalt des Bischofs von Kulm und des Jesuitenklosters von Graudenz. Jeder dieser Eigentümer stattete die Bewohner seines Bereichs mit unterschiedlichen Rechten aus.

Das Graudenzer Jesuitenkolleg erwarb 1641 das Gut Jablonowo (das spätere Goßlershausen) und das Gut Kamin im Jahre 1644.

Wie schon oben erwähnt, holen die Jesuiten zur wirtschaftlichen Stärkung Bauern und Handwerker herbei. Dabei handelte es sich um Protestanten und das heißt in dieser Gegend regelmäßig Deutsche aus der Gegend von Oder und Weichsel herein. Die Siedlungen der Deutschen wurden Holländereien aber auch Hauländereien genannt. Gegenüber den bestehenden Siedlungen zeichneten sie sich durch äußere und innere Geschlossenheit aus. Der wichtigste Unterschied aber war, daß die Neusiedler freie Zinsbauern mit einer gewissen Selbstständigkeit waren. Dagegen war die alteingesessene Bevölkerung als scharwerkspflichtige Gutshintersassen völlig in die Abhängigkeit des Adels geraten. Diese Abhängigkeit der Gutshintersassen und ihre Armut kann man sich nicht bedrückend genug vorstellen. Es gibt die Meinung, daß "die berüchtigte polnische Wirtschaft" hier historisch gesehen einen Ursprung haben könnte. Der kleine Bauer wurde so drangsaliert, daß für ihn eine vernünftige ertragsorientierte Wirtschaft keinen Sinn haben konnte, denn es wurde ihm doch alles wieder abgenommen. Nicht mal einen Apfelbaum zu pflanzen lohnte sich. Der freie Bauer dagegen konnte nach Abzug der Grundabgaben seinen Erfolg am Überschuß ablesen. Diese Deutschen waren auf dem Land Pächter mit bestimmten Rechten und Pflichten.

Nach der ersten polnischen Teilung fiel auch Kamin an Preußen und am 13.6.1772 erfolgte die förmliche Besitzergreifung durch Preußen unter Friedrich dem Großen. Die preußische Regierung ging sogleich daran, ein Inventar von jedem Dorf zu erstellen, das recht genaue Auskunft über Namen und Besitz der Einwohner ergab. Ein solches Verzeichnis liegt auch für Kamin vor.

Es nennt sich Kontributionskataster von 1772/1773 und das Original liegt im Archiv in Potsdam bzw. Merseburg (Zentralarchiv der DDR), eine Abschrift davon in einem Archiv im Marburg/Lahn (Hessisches Staatsarchiv, Friedrichsplatz).

In dem Register werden für Kamin 13 Bauern genannt und 14 Instleute. Es wird als adeliges Bauerndorf bezeichnet, dem Jesuiten Closter zu Graudenz gehörig. Es sind dort als Bauern eingetragen: Andreas Steig und Georg Steig. Dabei handelt es sich um den Namen Stoyke, der hier eine neuartige Schreibweise erhält, die aber sonst nicht mehr festzustellen ist, Beide haben 2 Hufen Land, was je 33 ha oder 132 Morgen entspricht, also recht stattlich ist, zum einen die Bodenqualität als gut bezeichnet werden muß, denn dort konnten Weizen und Zuckerrüben angebaut werden. Über Georg Stoyke lesen wir, daß er 3 Söhne über 12 Jahre und 2 Söhne unter 12 Jahren hat, einen Knecht und eine Magd, 5 Pferde, 4 Ochsen, 3 Kühe, 3 Jungvieh, 12 Schafe, 1 Schwein. Die Aussaat besteht aus 1 Berliner Scheffel Weizen, 17 Roggen, 3 Gerste, 10 Hafer, 1 Erbsen, 1/4 Leinen, 3 Heu. Das entspricht auch den Verhältnissen der anderen Bauern im Dorf. - Die Instleute hatten keine eigenen Abgaben zu leisten, diese entrichtete der Bauer, bei dem sie Einlieger waren. Neben 34 Reichstalern hatten die Bauern im Herbst 12 Tage lang Handdienste zu leisten, 2 Tage Mist zu fahren, 6 Morgen zu pflügen und Getreide und Bauholz nach Graudenz zu fahren. Am Schluß gibt der preußische Schätzer Quassowsky ein Gutachten über das Dorf Kamin ab und schreibt:

"Das Dorf Kamien hat zwar etwas Sand, doch im ganzen genommen einen mittelmässigen Kornboden, der auch in möglicher Cultur ist.
Die Aussaath nach dem Berliner Schfl. der mit dem Graudentzer balanciret, ist:
10 ½ Schfl. Weitzen zum 4. Korn
180 ½ " Roggen " 3 ½. "
43 ½ " Gerste " 4. "
110
½ " Haaber " 3. "
Die Wiesen liegen zum Theil im Felde, zum Theil an dem Fluss Lutrina und sind nicht sonderlich, doch können sie 32 4 sp. Fuder Heu geben.
Die Gärthen würden per Hube pptr. mit ½ Schfl. Einfall anzunehmen seyn."

Es zeigt sich also, daß durchaus geordnete Verhältnisse bestehen und das die Familie Stoyke 1772 mit 2 Vertretern in Kamin seit längerem als freie Bauern ansässig sind. Sie wohnen dort, bevor das Land preußisch und damit staatsrechtlich deutsch wird.

Mit dem Einzug der Preußen wandelte sich die Pacht in erbliches Eigentum, allerdings bleiben einige Belastungen zugunsten der früheren Eigentümer bestehen.

Wir können also festhalten, daß das Dorf Kamin der Ursprungsort der Familie Stoyke ist. So verschieden sich die einzelnen Zweige auch entwickelt haben, so wenig einsichtig und greifbar den Anwesenden auch die Verwandtschaft sein mag - es ist doch Tatsache, daß wir alle ursprünglich aus einem Hause stammen.

Deshalb soll noch kurz ein Blick auf Kamin geworfen werden und einige Daten dazu genannt werden, weil der Ort nicht allen geläufig sein wird.

Auf der Landkarte finden wir den Ort etwa 30 km östlich von der Stadt Graudenz an der Weichsel. Nach dorthin war Kamin auch wirtschaftlich und kulturell orientiert, auch wenn Strasburg die ca. 20 km östlich gelegene Kreisstadt war. Kamin gehörte zum Amte Goßlershausen, das nur wenige km entfernt lag und als Eisenbahnknotenpunkt Bedeutung hatte. Das alte Dorf Kamin war entlang der Straße Goßlershausen - Strasburg gebaut. Parallel zu der Straße schlängelt sich zu der Straße südlich das Flüßchen Lutrine (das seinen Namen einem altnordischen Wort verdanken soll). Dieses Wiesental ist systematisch durch Gräben entwässert und liefert besonders in trocknen Sommern noch eine auskömmliche Heuernte. Auf der anderen, der nordöstlichen Seite der Straße liegt das Ackergebiet, das einen sandig-lehmigen Boden aufweist. Während die Häuser wie gesagt zunächst an der Straße lagen und nur eher bescheiden in den Ausmaßen waren, begann im vorigen Jahrhundert die Entwicklung, daß die Bauern aus dem Dorf aussiedelten und sich neue Höfe mitten in ihrem Land errichteten.

So finden wir im Jahre 1945 drei Bauern Stoyke in Kamin, deren Höfe in der Feldmark liegen:

Der sogenannte Stammhof, Besitzer Erwin Stoyke, die Höfe Johann und Robert Stoyke. Daraus folgt, daß die Bezeichnung "Stammhof" nicht ganz zutreffend ist, weil es sich nicht um den alten Hof von 1733 handelt. Dieser muß an der Straße gelegen haben und ist mir nicht bekannt.

6. Die Stammfolge der Familie Stoyke

Wir kommen jetzt zu den eigentlichen Verwandtschaftsverhältnissen der Familie Stoyke. Wir sehen hier einige Gesichter, die uns sehr fremd erscheinen und doch ist der Grad der Verwandtschaft näher als mancher denkt. Nach Kenntnis der Verwandtschaft werden wir uns nicht mehr so fremd sein - hoffe ich - und damit ist der Hauptzweck dieses Treffens erreicht.

Die einzelnen Linien und ihre näheren Zusammenhänge kann ich hier nicht näher darstellen, dazu ist Bärbel Stoyke berufen, die die beste Kennerin der Einzelheiten der Verwandtschaft ist.

  1. Die Stammreihe beginnt mit dem etwa 1655 geborenen Georg Stoycke, Bauer in Thiergart, Kreis Rosenberg, Westpreußen. Es wird angenommen, daß er Vater des
  2. Georg Stoycke, geb 1684 in Thiergart, ist, der 1733 vermutlich erster Pächter der Pfarrhufen in Kamin ist, wie eben näher dargelegt. Dessen Sohn ist
  3. Georg Stoyke, geb. 1720 in Thiergart, gestorben 1784 in Kamin. Dieser hatte noch einen Bruder namens Andreas oder Johann, der später in Piecewo wohnte.

Es fällt hier auf, daß drei Generationen hintereinander den gleichen Vornamen tragen. Bezeichnenderweise heißen alle "Georg", was aus dem Griechischen kommt und Landmann, Bauer bedeutet. Vielleicht ein Hinweis darauf, daß man diesen Stand liebte. Dem entspricht es dann, wenn wir feststellen, daß die Familie fast durchweg nur aus Bauern besteht oder doch eine enge Bindung zum Lande hat.

Bei der Durchsicht der Vornamen fällt besonders auf, daß einige Vornamen immer wieder auftauchen, wie z.B. Georg, Johann, Andreas, Elisabeth. Man könnte darin den Ausdruck einer ganz besonders engen Bindung der Familie aneinander sehen, wie sie z.B. bei der Familie des großen Komponisten Bach zum finden ist, die in Erinnerung an einen großen Ahnen Johann in vielen Generationen der verschiedenen Familien diesen Vornamen wählte. Dies scheint mir bei unserer Familie aber nur bedingt der Fall zu sein. Ein Vergleich mit Vornamen aus der gleichen Zeit und der gleichen Gegend ergibt, daß die Mobilität der Bevölkerung nicht außergewöhnlich groß war. Man wird aber sicher auch annehmen dürfen, daß innerhalb der Familie immer ein gutes Klima geherrscht hat, welches diese Tendenz begünstigte. Die neuesten Forschungen zur Familiensoziologie haben dazu interessante Erkenntnisse gewonnen. Sie stellen fest, daß innerhalb der Familien nicht nur äußere Merkmale und geistig-seelische Eigenschaften vererbt werden, sondern daß sich innerhalb der Familien auch soziale Verhaltensweisen, Wertvorstellungen vererben. Es gibt z.B. Familien, bei denen man durch viele Generationen nachweisen kann, daß dort immer wieder Unfrieden und Streit geherrscht haben, mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgen. Mann kann es in Hofgeschichten nachlesen, man nannte es früher schlicht den bösen Geist, der auf dem Hofe herrschte, der Fluch der darauf ruhte usw. Auf der anderen Seite gibt es Familien, in denen sich harmonischere Lebensabläufe finden, wo heute z.B. Scheidungen seltener sind, die Spannungen der Generationen nicht so stark ausbrechen. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die eine Generation der anderen zeigt, wie man miteinander umgeht, daß man weniger auf den Glanz geben soll, als auf die Substanz. Es ist sicher etwas spekulativ, diese Gedanken auf die Familie Stoyke anzuwenden. Die Tatsache jedoch, daß sich hier Stoykes zusammenfinden, deren letzter gemeinsamer Vorfahr 1784 gestorben ist, spricht doch dafür, daß in dieser Familie ein guter Geist steckt. Interessanterweise sind es gerade auch die Frauen, die geborenen Stoyke, die besonders treu zur Familie stehen.

Wir kommen nun über zum dritten Sohn Jacob, den wir hier übergehen können, weil seine Linie ausstirbt, obwohl 5 Kinder da sind.

Die Linie des 4. Sohnes Christian stirbt auch aus, obwohl hier 8 Kinder vorhanden sind.

Der 5. Sohn Adam wiederum hat 5 Kinder und hat eine blühende Linie begründet. Zu ihr zählen z.B. Frau Alfert, der genannte Karl Kastner. Adam hatte einen Hof in Sadlinken. Auch in diese Linie hat eine Verwandten-Einheirat stattgefunden.

Zuletzt war eine Tochter Elisabeth vorhanden, die mit einem Georg Eggert verheiratet war, der aus Piecewo kam.

Stammhof der Familie Stoyke in Kamin, Kreis Strasburg in Westpreußen

Foto: Stammhof der Familie Stoyke in Kamin, Kreis Strasburg in Westpreußen.
[Quelle: Barbara Stoyke, Brakel (Aufnahmedatum unbekannt)]


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