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- Friedrich von Logau: [Epigramme]
- Matthias Claudius: Der Mensch
- Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Aufmunterung zur Freude
- Friedrich von Matthisson: Zuruf
- Johann Wolfgang Goethe: Wer nie sein Brot mit Tränen aß
- Johann Wolfgang Goethe: Wanderers Nachtlied
- Eduard Mörike: Gebet
- Friedrich Nietzsche: Ecce homo
- Else Lasker-Schüler: Gebet
- Hugo von Hofmannsthal: Was ist die Welt?

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Gedicht 1
Friedrich von Logau (1604-1655): [Epigramme]
Das menschliche Alter
Ein Kind weiß nichts von sich, ein Knabe denket nicht,
Ein Jüngling wünschet stets, ein Mann hat immer Pflicht,
Ein Alter hat Verdruß, ein Greis wird wieder Kind:
Schau, lieber Mensch, was dies für Herrlichkeiten sind.
Die Gelegenheit
Es mangelt nie Gelegenheit, was Gutes zu verrichten;
Es mangelt nie Gelegenheit, was Gutes zu vernichten.
Sich selbst besiegen
Sich selbselbsten überwinden, ist der allerschwerste Krieg;
Sich selbselbsten überwinden, ist der allerschönste Sieg.
(von 1654)
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Gedicht 2
Matthias Claudius (1740-1815): Der Mensch
Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret,
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehtet,
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet, und verehret;
Hat Freude, und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts, und alles wahr;
Erbauet, und zerstöret;
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst, und zehret;
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.
(von 1775)
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Gedicht 3
Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748-1776): Aufmunterung zur Freude
Wer wollte sich mit Grillen plagen,
Solang uns Lenz und Jugend blühn;
Wer wollt in seinen Blütentagen
Die Stirn in düstre Falten ziehn?
Die Freude winkt auf allen Wegen,
Die durch dies Pilgerleben gehn;
Sie bringt uns selbst den Kranz entgegen,
Wann wir am Scheidewege stehn!
Noch rinnt und rauscht die Wiesenquelle,
Noch ist die Laube kühl und grün,
Noch scheint der liebe Mond so helle,
Wie er durch Adams Bäume schien!
Noch macht der Saft der Purpurtraube
Des Menschen krankes Herz gesund,
Noch schmeckt in der Abendlaube
Der Kuß auf einen roten Mund!
Noch tönt der Busch voll Nachtigallen
Dem Jüngling hohe Wonne zu,
Noch strömt, wenn ihre Lieder schallen,
Selbst in zerrißne Seelen Ruh!
O wunderschön ist Gottes Erde
Und wert, darauf vergnügt zu sein!
Drum will ich, bis ich Asche werde,
Mich dieser schönen Erde freun!
(von 1783/84)
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Gedicht 4
Friedrich von Matthisson (1761-1831): Zuruf
Alles kann sich umgestalten!
Mag das dunkle Schicksal walten.
Mutig! auf der steilsten Bahn.
Trau dem Glücke! Trau den Göttern!
Steig, trotz Wogendrang und Wettern,
Kühn, wie Cäsar, in den Kahn.
Laß den Schwächling angstvoll zagen!
Wer um Hohes kämpft, muß wagen,
Leben gelt es oder Tod!
Laß die Woge donnernd branden:
Nur bleib immer, magst du landen
Oder scheitern, selbst Pilot!
(von 1829)
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Gedicht 5
Johann Wolfgang Goethe (1749-1832): Wer nie sein Brot mit Tränen aß
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
(von 1794/95)
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Gedicht 6
Johann Wolfgang Goethe: Wanderers Nachtlied
Der Du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
- Ach, ich bin des Treibens müde,
Was soll all der Schmerz und Lust? -
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
(erschien 1776)
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Gedicht 7
Eduard Mörike (1804-1875): Gebet
Herr! Schicke, was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht erschüttern!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.
(von 1848)
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Gedicht 8
Friedrich Nietzsche (1844-1900): Ecce homo
Ja, ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr ich mich,
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich!
(von 1898)
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Gedicht 9
Else Lasker-Schüler (1869-1945): Gebet
Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.
Und wandle immer in die Nacht ...
Ich habe Liebe in die Welt gebracht, -
Daß blau zu blühen jedes Herz vermag,
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.
O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt
Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.
(von 1920)
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Gedicht 10
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929): Was ist die Welt?
Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht
Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andere flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.
Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommer Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,
Und keines Andern Nachhall, Widerschein.
Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.
(von 1903)
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