Cannabis bei Schmerzen
Cannabis wurde erfolgreich gegen z.B. neuralgische, rheumatisch,Trigeminusneuralgie, Ischialgie, Migräne, Zahn- und Regelschmerzen eingesetzt!
Funf bis sieben Millionen Menschen leiden in Deutschland unter chronischen Schmerzen, darunter 500.000 bis 650.000 mit problematischen, schwer zu behandelnden Schmerzkrankheiten. Mindestens jeder zweite Schmerzpatient wird nicht ausreichend mit Schmerzmitteln versorgt. Nicht selten bestehen Resistenzen oder Unverträglichkeiten gegen herkömmliche Schmerzmittel. Obwohl Schmerzen eine der häufigsten Beschwerden sind, ist das Thema bisher medizinisch nicht befriedigend gelöst. eine Erweiterung des therapeutischen Repertoires ist daher wünschenswert.
Das Schmerzerleben ist ein sehr komplexer Vorgang. In der Peripherie wird ein Schmerzreiz aufgenommen, beispielsweise über einen Schmerzrezeptor in der Haut nach einer Verbrennung. Diese Information wird ins Rückenmark geleitet und schließlich ins Gehirn. Auf allen Ebenen wird der Schmerzreiz beeinflußt und moduliert bis der Schmerz schließlich bewußt empfunden und eingeordnet wird. Schmerz der mit Angst besetzt ist oder chronifiziert ist, wird beispielsweise stärker erlebt, als Schmerz, der mit Lust besetzt istoder gleich nachlassen wird.
Bisherige Erfahrungen
In mehreren Tierversuchen wurde der schmerzhemmende Effekt von THC nachgewiesen. Dabei wurden thermische, mechanische, elektrische und chemische Schmerzreize gesetztund die Beeinflussung der Schmerzschwelle durch Cannabis oder einzelne Cannabinoide überprüft und mit anderen Schmerzmitteln verglichen. Die Ergebnisse waren nicht immer konsistent und es ergab sich eine unterschiedlich starke Schmerzhemmung bei verschiedenen Versuchsanordnungen und bei verschiedenen Tierarten (Segal 1986).
Bisher liegen erst wenige Forschungsergebnisse an Patienten aus diesem Jahrhundert vor, allerdings viele positive ärztliche Berichte aus dem 19. Jahrhundert. Danach wurde Cannabis eingesetzt bei neuralgischen Schmerzen in Armen und Fingern, bei rheumatisch bedingten Schmerzen, bei Trigeminusneuralgie, bei Ischialgien der Hüfte, bei Zahnschmerzen, bei schmerzhafter Menstruation. Wiederholt wurde der günstige Effekt bei Migräne betont. Cannabis wirkte hierbei vorbeugend und könne auch einen aufkommenden Anfall kuppieren. So schrieb Fox 1897 in der Fachzeitschrift Lancet: "Aber ich bin gewohnt, sehr auf Cannabis sativa zu vertrauen, da ich viel Erfahrung mit diesem Mittel habe. Der Extrakt hat, oft mit Cascara sagrada kombiniert, viele, wenn nicht die meisten Fälle von Migräne kontrolliert" (zitiert nach Mechoulam 1986).
Das neue Intresse am Schmerzmittel Cannabis setzte Anfang der siebziger jahre ein. In Untersuchungen an Gesunden, denen ein Schmerzreiz gesetzt wurde, fand sich je nach Versuchsanordnung ein schmerzvermindernder oder ein Schmerzsteigender Effekt. So fanden Hill und Kollegen eine Vergrößerung der Schmerzempfindlichkeit für einen elektrischen Stimulus nach dem rauchen einer Marihuana-Zigarettemit etwa 14 mg THC (Hill 1974). Raft und Kollegen fanden keine analgetische Wirkung von intravenösem THC (0.022 mg/kg und 0.044 mg/kg), welches einigen Freiwilligen gegen Schmerzen bei einer Zahnextraktion verabreicht wurde. Offenbar ist die Art des Schmerzes von Bedeutung. Nach Cannabiskonsum wird eine Zunahme der Oberflächensensibilität beobachtet.Berührungen werden intensiver erlebt. Noyes und Baram Schilderten 1974 Erfahrungenvon Patienten, welche mit Cannabis eine positive Beeinflussung verschiedener Schmerzzustände (Kopfschmerzen, Migräne, Menstruationsbeschwerden und postoperativer Schmerz) erfahren hatten. Neben einer Schmerzhemmung spielte eine veränderte Schmerzwahrnehmung eine wichtigen Rolle.
Angeregt durch diese Beobachtungen überprüfte die Arbeitsgruppe die Wirksamkeit von THC bei durch Krebs verursachten Schmerzen. THC in einer oralen Dosis von 15 bzw. 20mg erwies sich als gut wirksam bei Schmerzen von Krebspatienten (Noyes 1975). In einer weiteren Studie derselben Forschergruppe traten jedoch bei einem Teil der Patienten Nebenwirkungen auf, die von den Patientennicht toleriert wurden. Auch synthetische Cannabinoide sind vereinzelt klinisch erprobt worden.
Neben der eigentlichen Schmerzhemmung spielen bei der positiven Wirkung von THC offenbar auch andere Effekte eine Rolle, so ein stimmungsaufhellender und ein entspannender Effekt. Die psychische Distanzierung vom Schmerz läßt ihn nicht mehr so bedrohlich erscheinen. Dies beobachteten Butler und Kollegen bei Patienteen mit fortgeschrittenem Krebs (Butler 1976).
Noyes vermutet, daß bei einer Kombination von THC und einem anderen Schmerzmittel ein günstiger sich gegenseitig verstärkender Effekt erzielt werden könne (Noyes 1975). Tierexperimentelle Untersuchungen legen nahe, daß THC und andere Cannabinoide die Wirkung von Opiaten, wie z.B. Morphium, verstärken können (Welch 1995). Aber nicht nur wegen dieses sich addierenden Effektes könnten Opiate und Cannabinoide eine gute Kombination darstellen: Opiate fördern als Nebenwirkung Übelkeit, Cannabis bekämft sie, Opiate führen zu Atemdeprission, Cannabis dagegen nicht.
Fazit
THC bzw. Cannabis sind schwächere Schmerzmittel als Opiate und sie haben ein deutlich geringeres Abhängigkeitspotential. Die bisher recht geringe Anzahl von Studien am menschen zur Untersuchung des schmerzhemmenden Effektes von Cannabis und einzelner Cannabinoide reflektiert vermutlich nicht ihr analgetisches Potential. Sie reflektieren eher die Schwierigkeiten und gesetzlichen Hürden solcher Studien bzw. die Zurückhaltung der Forscher. Dies belegen auch individuelle Erfahrungen von Schmerzpatienten aus Deutschland (Grotenhermen 1997). Insbesondere im Bereich der Migränetherapie sind die zugelassenen Medikamente oft nicht hinreichend wirksam und Cannabis offenbar ein hilfreiches Arzneimittel. Aber auch Schmerzen im Zusammenhang mit spastischen Störungen, Neuralgien und andere Schmerzkrankheiten sind offensichtlich eine dankbare Indikation.
Ein Zitat eines Schmerztherapeuten in einer britischen Fachzeitschrift aus dem Jahre 1995 macht deutlich, daß der Einsatz illegaler Cannabisprodukte zur Schmerzbekämpfung kein Ausnahmefall ist und eine ärztliche Verschreibungsmöglichkeit zur Verbreitung der schmerztherapeutischen Möglichkeiten sehr zu wünschen wäre: "Ich fand eine zunehmendeZahl von Patienten, die sich mir hinsichtlich Cannabis offenbarten und mir mitteilten, daß sie es als wirksamer zur Schmerzlinderung erlebten als verschriebene Medikamente (inklusive Opioide). Alle diese Patienten sind so verzweifelt, daß sie das Gesetz brechen, um eine Schmerzminderung zur besseren Symptomkontrolle zu erzielen" (Notcutt 1995).
Dr. med. Franjo Grotenhermen, nova-Institut Hürth/Köln
Quelle: HANF! 10/97