Kritik
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  Selbstfindung

Weißt du, wer ich bin?
Man nennt mich Puppenspieler
Einen der besten meiner Zunft
Mehr Figuren führe ich
Als die meisten unter uns
Und drei zugleich an jeder Hand
Beherrsche alle Sprachen
Jeden Gesichtsausdruck
Keine Geste ist mir fremd
Klischee ist keine Kunst
Charakter ist mein Werk
Besessen oder liebestoll
Selbstvergessen, liebevoll
Gesättigt, aufgezehrt
Verschmäht oder begehrt
Mal Engel und mal Teufel
Mal Räuber und Gendarm
Doch glaube nicht, daß du’s schon kennst
Denn jede Inszenierung wird
Nur einmal aufgeführt
Du fragst mich, wer ich bin
Du suchst mein wahres Ich
Doch mich gibt es nicht
Ich bin nur das Gestell
Meine Puppen spielen mich.

strömung

Kirke

Ich bin das Ohr, das Kummer nimmt
Und trostverwandelt wiederschenkt,
Bin Pol der Welt, wenn du verstimmt,
In Melodie wirst du versenkt

Ich bin das Garn, das Wunden näht,
Doch auch der Dolch, der neue sticht.
Ich bin der Wind, der Sturm gesät,
Ich bin das Wort, das Herzen bricht

Fliehe mich, du Unschuldsseele,
Fliehe mich, o braver Mann!
Sonst blutest du, wenn ich’s befehle
Dein ganzes Herz in meinen Bann.

wenn mild die nacht sich niedersenkt
und – horch! – ein stern sich leise wiegt
ach lieg ganz still!
mein herz sich leis’ an deines schmiegt
weil’s weinen will
weil du ihm neuen puls geschenkt

ein licht glimmt fleißig in der nacht
die seele sich vom bette löst
ach lieg ganz still!
derweil der körper weiterdöst
nur schlafen will
hat sie sich auf den weg gemacht

und strebt dem lichtlein zu und weiß
wenn sich ein schatten auf sie legt
ach fürcht’ dich nicht!
hat sich zu haus’ ein traum geregt
sie folgt dem licht
es ist ihr einz’ger gunstbeweis

sitze ich hier
in der gruft
höre die totel schnaufen
wagen sie nicht zu husten
sind ja doch tot
unterhalten sich verhalten
über das wetter
und haben schon lange nicht mehr
in den himmel geschaut
kauen würdig
ihre pappigen butterbrote
dick wie die gruftluft
streiten sich über meinungen
die sie gar nicht haben
sind ja doch tot
noch einen tag in der gruft
und ich lerne das sterben

schlaflied

immer ist ein stern am firmament
den ich grad bat, auf dich zu achten
soll deine träume übernachten
wenn dein herz dein hirn verbrennt

er hat uns zwei’n sein licht geborgt
an freundschaft wird dein schmerz gesunden
wenn der stern dein herz gefunden
schlaf ruhig ein, sei unbesorgt

Mit jedem Schritt auf meinem Weg
Rieseln eherne Schuppen aus deinem Panzer
Schmilzt ein Stück deiner Rüstung
Stolzer Krieger
Denn meinen Weg beschreitest du
Sein Zauber duldet kein Waffengeklirr
Ring für Ring zerfällt dein Kettenhemd
Ringelblumen wachsen unter deinem Schritt
Eben noch fest
Nun sanft
Und mit jedem Preisgeben eines äußeren Schutzes
Wächst deine innere Stärke

Bahnung

Die Knie auf splittrigen Schwellen
Eine Hand auf rostige Schiene gestützt
Räume ich zähes Kraut beiseite
Arbeite mich zentimeterweise vor
Werfe herabgefallene Äste beiseite
Pflücke eine Brennessel und stecke sie ein
Das alte Gleis erstreckt sich unsichtbar
Unter einer Matte aus Pflanzen
Schön friedlich sieht es aus
Doch nicht zum Schlafen wurde es montiert
Der Schotter knarzt unter meinem Schritt
Bald werde ich den Stahl aus der Patina reiben
Funkeln wird er und das Gras sich verneigen
Wenn der Weg bereitet ist
Wenn ich dich rufe

Sonnenwende

Die Sonne
Bereitet sich vor auf ihr Tagwerk
Rückt ihr ewiges Lächeln zurecht
Bürstet ihre Strahlenpracht
Retuschiert einige Eruptionen
Pinselt Staub aus den Lachfalten
Und macht ein paar Kniebeugen
Dann erklimmt sie geübt anmutigen Schritts
Den ausgetretenen Pfad zum Firmament
Winkt vertraut ihrem alten Freund
Dem Mond
Ihren Morgengruß
Seine Ablösung
Diese Momente sind ihr die liebsten
Wenn sie in einvernehmlichem Schweigen
Sich eine Weile noch gegenüberstehen
Er müde sie noch nicht ganz wach
Sich schweigend anlächeln
So vertraut
Dann zwinkert er ihr aufmunternd zu
Und geht heim

Manchmal bevor die Arbeit richtig losgeht
Die Diskutiererei mit dem Wind
Die zähe Langeweile über grauen Wolkendeckeln
Die Wärme- und Lichtproduktion
All die Verantwortung
Dann wünscht sie manchmal
Sie hätte einen neuen Weg ausprobiert
Wäre einfach in die andere Richtung gegangen
Und hätte ihren alten Freund
Einmal wirklich überrascht

An solchen Tagen fühlt die Sonne, wie sie alt wird.
 

Erinnerung

Der blasse alte Mond
schaut väterlich durchs Fenster,
tippt mir auf die Schulter,
fragt neugierig und besorgt,
was ich da bloß so spät noch mache?

Ich zucke zusammen,
fühle mich ertappt,
habe ihn doch so lange nicht mehr
wahrgenommen, beachtet, betrachtet
und bin darüber blaß geworden.

Als Kind stand ich so oft
des nachts am Fenster,
hielt mit ihm stumme Zwiesprache,
mit rosigen Wangen und leuchtenden Augen,
hatte ihm alles anvertraut.

Heute ziehe ich oft die Vorhänge zu,
schleppe mich mit Kaffee durch die Nacht
mit blassen Wangen und dunklen Augenrändern,
suche in schweigenden Büchern
nach Antworten auf unwichtige Fragen.

Schuldbewußt blicke ich zu Boden,
murmle "Hatte dich vergessen..."
Er faßt mein Kinn, fängt meinen Blick:
"Das habe ich wohl bemerkt", schmunzelt er.
Ich schlage das Buch zu -- und lache.
 

klettverschluß

Nachtaktiv?
Ich bin nicht rege in der Nacht
In der Stille
In der Dunkelheit
Bin ich der Pol der Welt
Dann kann meine Seele aufstehen
Sich neben mich stellen
Beobachten
Mir über mich erzählen
Oft allerdings
Bemerke ich sie gar nicht
Widme mich den Pflichten
Schon dankbar, daß das Telefon schweigt
In solchen Nächten
Schlüpft meine Seele nach einer Weile
Gelangweilt wieder ins Futteral
Und schweigt beleidigt
Das nennt man Müdigkeit
 

Ein zitterndes Flämmchen
Macht eben genug Licht
Um in den Ecken
Unheimliches zu beleben
Ich liebe den Kerzenschimmer
Denn er erinnert mich
Daß aus einem winzigen Docht
Aus einer befristeten Existenz
Bedroht durch jeden Luftzug
Dennoch
Ein verheerender Brand wachsen
Kann
 

Zauberwald

Komm
Ich zeige dir feuchtes Moos
Zeige dir einen Wald
Der jenem gleicht
In dem wir uns begegneten
Als er zwischendurch
Einmal kein Vergnügungspark war
Als du auf einem Baum gesessen
Mit ihm gesprochen
Als ich dich mahnte
Die Blumen nicht auszureißen
Ihnen lieber wachsen zu helfen
Komm
Nimm meine Hand
Laß uns schrumpfen
Mit staunenden Augen
Unter baumhohen Pilzen
Spazierengehen
Und hinter Orchideen
Verstecken spielen
Laß uns durch eine Pfütze tauchen
Komm, komm
Wir wollen der Welt erzählen
Daß wir alle noch Kinder sind
 

sehen

zurechtgemacht

Heut nacht bin ich schön
Und wie leicht das ist:
Nur ein bißchen Nägelfeilen
Ist mir heut nach Vamp
Reiß ich mir was auf?
Na egal
Sind nur ein paar Griffe
Und schon sitzt mein Outfit
Unbeschwert
Kann ich mich ins Nachtleben stürzen
Muß nicht mal weit laufen
Und der Computer
Fährt in zwei Minuten hoch
Heut nacht bin ich schön
Such mir einen aus
Kann sie alle haben
Weiß wie sie mich wollen
So bin ich dann auch
Nur schade daß
Die Sonne so schön untergeht
Die Nacht so mild
Könnte zur Eisdiele gehen
Aber dazu müßte ich mir wohl
Dringend mal die Haare waschen
 

Was du in mir siehst

Seit die Biene diese Blüte sah
war sie von Sinnen
wollte nur noch diesen Nektar
der köstlicher sein mußte
als welchen die Götter einst tranken.

Setzte immer wieder an
die zarte Pflanze zu erreichen
von Dämmerung zu Dämmerung
suchte sie das kalte Glas
der Fensterscheibe zu zertrümmern

Am Abend fand man sie
mit zertrümmertem Schädel
auf dem Fensterbrett
konnte keinen Reim sich machen
Hatte sie wirklich zu diesem Kaktus gewollt?

Wer kann schon wissen,
daß die Blüte, die sie sah,
nur ein Spiegelbild gewesen war?
 

meta >physik<

Ich umfasse fest
Das lange Seil des Wahnsinns
Und stürze mich damit
Kopfüber
In die Schlucht meiner Träume
Ich falle! Ich fliege!

In Träumen
Gibt es keinen Aufprall
Nur watteweiche Angstbilder
Panische Freude
Erinnerung und Vergessen
Gewebt in Augenblicke

Das Seil
Weist mir lediglich den Weg nach unten
Daß ich die Richtung nicht verfehle
Und ist mein Ariadnefaden
Zurück in den Tag.
 

Letzte Ruhe

Das Moos auf dem Friedhof ist trocken
Die Bäume auf dem Friedhof sind alt
Die Mauer um den Friedhof ist hoch
Doch
Der Kies unter unseren Füßen knirscht jung
Die Grabsteine am Kiesweg funkeln neu
Die Blumen vor den Grabsteinen duften frisch
Der Müll wird getrennt
Die numerierten Gießkannen hängen adrett in einer Reihe
Die Parzellen sind geharkt
Das Unkraut ist gejätet
Die roten Lichter
      werden brav die Nacht hindurch brennen
      und nicht wagen zu flackern
Komm
Laß uns fliehen
Wir werden bei Nacht wiederkommen
Und die Ecke suchen in der die verwitterten Steine stehen
Wir werden im Schein eines Streichholzes
Die Geschichten entziffern die die Mooslettern erzählen
Wir werden mit den Fingern durch das alte Kraut kämmen
Das nicht mehr ausgerupft wird
Weil die Hinterbliebenen längst selbst hier liegen
Wir werden überwucherte Stufen finden
Sie lachend hinaufstolpern
Uns ins feuchte Moos werfen
Und hinab auf die Stätte des scheinheiligen Schweigens
Dort drüben
Ein paar lustige Geschichten werfen
 

Willkommen schöner Schmerz,
durchzuckst meine Brust,
löst das Herz mir heraus,
daß es frei sei zu wandern
die Trampelpfade ins Unbekannte.

Der Winter ist vorbei,
spricht es, hast genug geruht,
Reisen wollen begonnen sein,
und die wir noch nicht kennen,
warten nicht mehr lang auf uns.

Widerstrebend folge ich
meinem Herzen, muß ja so vieles
zuvor noch bedacht werden.
Ich will bedächtig denken, doch
mein Herz wartet nicht auf mich.

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Erwachen

Mich dünkt, als hätt ich geschlafen
Wohl einige Jahre lang.
Ich träumte vom Liebeshafen
Den eine Ebbe verschlang.

Mit deinem Kuß das Erwachen;
Ich schwimmend mich wiederfind.
Vor ferne erklingt das Lachen,
Das ich geschrieben als Kind.

Will an die Gestade mich schwingen
Und bin noch so weit entfernt,
Muß schwimmend lernen zu singen --
Ich habe so viel verlernt!
 

geschenkt

kneipenrosen
will ich nicht
verehre mir
wortknospen
die länger blühen
und weiter wachsen
in meiner seele
ganz ohne cellophan
 

Sympathie

Was ich in dir suche
Ist ein Zerrspiegelbild meiner selbst
Was uns ähnlich macht
Mag ich an dir
Wie ich es an mir mag
Was uns unterscheidet
Ist mir Inspiration
Weil ich es in mir selbst nicht finde
Oder auch nicht sehen will
Vielleicht ist auch
Gerade unsere Ähnlichkeit
Das was wir nicht gefunden
In uns selbst
Nur im Wunschspiegel
Und Inspiration zur Angleichung
Nicht mehr als das
 

Schweigen

Früher sprachen deine Augen mehr
als Worte vermögen
mehr als du je sagen
und ich hören könnte

Jetzt sind deine Augen leer
ein Film von Laßmich liegt davor
wir schweigen sie um die Wette
mit der Stille in uns

Anfangs haben wir auch geschwiegen
Uns dabei so viel mitgeteilt
Aber heute sind alle Sinne verstummt
Und am meisten schmerzt
            das Schweigen deiner Blicke
 

Meine silberne Glocke
Täglich habe ich sie poliert
Mit einem weichen Tuch
Wieder und wieder blank gerieben
Und hin und wieder an sie geschlagen
Ihrem sanften Klang gelauscht
Mich verzaubern lassen.

Doch ich muß sie
Zu intensiv gerieben haben
Das Metall muß dünn geworden sein
Und einen Sprung bekommen haben
Denn zuletzt klang sie verstimmt
Als ich sie läuten wollte
Etwas dumpf

Seitdem traue ich mich nicht mehr
Das weiche Tuch zur Hand zu nehmen
Um ihren sanften Schimmer zu bewahren
Traue mich nicht mehr
Sie zum Klingen zu bringen
Sie auch nur anzurühren
Aus Angst, sie vollends totzustreicheln

Seitdem läuft sie allmählich grau an
Und verstaubt auf ihrem Ehrenplatz
 

dionaea muscipula

Ich zücke mein Fliederlächeln
Dem kannst du nicht widersteh’n
Und versperre deinen Augen
Den letzten Weg der Flucht

Du hast meinen Duft geleckt
Das Aroma der Wildblume
Und bist mir verfallen
In der Hoffnung auf mehr

Die Venusfalle hat sich
An deiner Seele gelabt
Wohl tut es ihr ein wenig leid
Doch sie wittert bereits
              das nächste Opfer
 

...

Gemächlich
Und sehr sorgfältig
Hat die schillernde Fliege
Sich aufgeputzt
Erst ein Bein, dann noch eins,
Dann die Flügel, dann den Kopf.
Jetzt fliegt sie los,
Aufgeregt und übermütig,
Folgt dem köstlichen Duft,
Schwirrt um die Pflanze,
Auf der sich niederzulassen sie nicht wagt.
Diese anmutig gefiederten Blattränder,
Diese herrliche Farbe,
Dieser Charme!
Jubelnd taumelt sie in kleinen Kurven abwärts
Und läßt sich auf der Erde nieder,
Um sich aus sicherer Entfernung
Noch eine Weile zu berauschen.

Traurig
Faltet die Venusfalle
Ihre tödlichen Blätter.
Seit Tagen kommt diese Fliege,
Und nun hat sie sich an diese Verehrerin gewöhnt.
Nie würde sie ihr schaden wollen,
Traut ihren eigenen Instinkten nicht,
Entwaffnet sich.

Später muß sie mit ansehen,
Wie die schillernde Fliege
An einer Zimmerwand ihr tragisches Ende findet.
 

Rückkehr

Als dein Herz schneller schlug
Beim Anblick der Wildkatze
War sie für dich ein Traum
Als ein Traum sich erfüllte
Wurde die Katze zahm
Weil sie sich nach einem Zuhause sehnte
Du warst geschmeichelt
Entdecktest neue Seiten
An deiner Katze
Es war angenehm sich daran zu gewöhnen

Wenn sich jetzt ihre Instinkte regen
Ihr altes Leben sie ruft
Wenn sie Streifzüge in die Wildnis unternimmt
Um sich zu erinnern
Warum sie das Zuhause vorzog
Neigst du dazu zu vergessen
Daß die Wildkatze
Längst zur Hauskatze geworden ist
 

laß mich deine wunden schließen
mit pergament
laß mich deinen herzensriß nähen
mit spinnenseide
judas küßt deine augen
mit zittrigen lippen
laß es geschehen
trotz deiner angst
denn neuer schmerz
heißt wieder fühlen
 

Autofahr’n (Performance-Dichtung)

Straßenpfosten... Straßenpfosten... Straßenpfosten...
Haltebucht
Spurbegrenzung... Spurbegrenzung... Spurbegrenzung...
Vogelleiche
Leitplanke... Leitplanke... Leitplanke...
Radio
Lärmschutzwall... Lärmschutzwall... Lärmschutzwall...
Hasenleiche
Mehrzweckstreifen... Mehrzweckstreifen... Mehrzweckstreifen...
Tankstelle
Laubbaum... Laubbaum... Laubbaum...
Fuchsleiche
Baustelle... Baustelle... Baustelle...
Warnschild
Scheinwerfer... Scheinwerfer... Scheinwerfer...
Aufprall
Menschenleiche
Straßenpfosten... Straßenpfosten... Straßenpfosten...
Ausfahrt rechts
 

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